Ready Player One (der Hollywoodfilm)

Nach meiner Vorstellung des Buches von Ernest Kline letztens hatte ich nun die Gelegenheit, mir den Film anzuschauen. Eines fällt sofort auf: der Film ist das deutlich effektivere Entertainmentprodukt. Es scheint als hätten sich ein paar alte Hollywoodveteranen Klines Buch nacherzählen lassen und auf Basis dessen gesagt: Ok Rookie, rutsch rüber. Wir regeln das von hier an.

Generell wurde das ganze hochwissenschaftliche „Studieren“ der Kultur der 80ziger etwas zurückgenommen und vielen, im Original teilweise recht obskuren Referenzen durch weniger, dafür deutlich bekanntere und größtenteils spätere ersetzt. Schließlich sind junge Leute die von Hollywood korrekt identifizierte Zielgruppe des Films, was die nicht direkt (vom Hörensagen) kennen wird Ihnen erklärt.

Die vielen Originalschauplätze des Buches innerhalb der OASIS wurden auf einige wenige beschränkt, um die Komplexität und den bildnerischen Aufwand im hollywoodverträglichen Rahmen zu halten.

Der erste Teil des Buches findet im Film nicht wirklich statt, davon ist besonders Kline’s Beschreibung wie prekär der Zustand der Welt ist und warum. Dieser Teil war von vorneherein aber nicht besonders innovativ oder interessant, darum ist es hierum nicht allzu schade. Im Film ist die Situation ziemlich unspezifisch schlecht, obwohl es niemanden so richtig schlecht zu gehen scheint. Ausserdem ist im Film keine Rede von der OASIS als universale Bildungseinrichtung für alle, sondern nur als Ort, an den die Leute kommen, um der Realität zu entkommen, weil sie so schlecht ist.

Der größte Unterschied zwischen dem Buch und dem Film ist, dass PaZival im Film ein reiner Teamplayer ist, während er im Buch zunächst ein arroganter Eigenbrötler war. Statt seiner von den anderen unterstützen Einzelgänge, kommen hier die ‚high five‘ (so heißt der Clan bestehend aus Ihm, Aech und seinem Schwarm Artemis) zusammen, um die IOI gemeinsam am Fund von Halliday’s Osterei zu hindern. Dadurch kommt Wade, so heißt ParZival in der Realität deutlich sympathischer und weniger geekig isoliert, mehr wie ein Junge der Welt, die von dieser (unserer) übrig geblieben ist.

iRoc ist ein unsicherer Versager im Buch, im Film aber ein formidabler Bösewicht, fest in der Hand des IOI Schergen Sorrento.

IOI hat üble Pläne für OASIS, welche genau weiß man immer noch nicht, aber es hat mit Monetarisierung zu tun. Man ahnt, dass IOI’s Geschäftsmodell viel mit der Eintreibung von Schulden durch Sklavenarbeit zu tun hat, so explizit wie im Buch ist dieser Teil der Operation allerdings nicht beschrieben.

Die am Ende des Films von Og (Cofounder von Oasis) deutlich proklamierte und mehrfach wiederholte Moral der Geschichte ist hollywoodtypisch trivial (haltet Euch fest und erzählt es niemandem weiter): „Don’t give up on the real world, because it is … real“. Ebenso trivial sind ein paar halbarschige Denkansätze zu den Unterschieden zwischen virtueller Welt und realer in Punkto Geld, Liebe und Leben.

Der Film ist ebenso unterhaltsam wie das Buch, wenn auch auf eine barrierefreihere, gestreamlinte Art. Das Buch war, genau wie der Geek der es geschrieben hat und die Geeks für die es geschrieben wurde, grob, unsicher und, besonders während der Dialoge, weder charmant noch bescheiden. Der Film ist, durch seinen Mainstreamanspruch, direkter und weniger komplex, wartet aber mit großen Bildern auf (besonders die Rennszene am Anfang und die Schlacht um das ‚Castle of Doom‘ am Ende). So wird jedes Produkt seinem Anspruch gerecht, keines jedoch mit Auszeichnung.

Counting Heads von David Marusek

David Marusek verbringt seine Winter oft alleine in einer Blockhütte in Alaska. Wir können also davon ausgehen, dass er ein oder zwei Dinge über Einsamkeit zu sagen hat. Nach der Lektüre von Counting Heads ist klar: das tut er, aber was er zu sagen hat geht weit darüber hinaus.

Folgende Situation: Wir schreiben das Ende des 21. Jahrhunderts, und viel ist passiert auf der Welt. Die Bevölkerung ist auf über 10 Milliarden Menschen angewachsen und ungefähr auf dem Gebiet der früheren USA erstrecken sich die UD (United Democracies). Innerhalb der UD herrschen strenge Reproduktionsauflagen, Kindererlaubnisse werden hier per Lotterie verteilt, während sich die Menschheit ausserhalb der UD noch immer fleissig und unnachhaltig vermehrt. Die Macht in dieser Welt liegt bei einer handvoll privater familiengeführter Konzerne, die, unterstützt von Ihren eigenen, sehr individuellen und tatkräftigen künstlichen Intelligenzen („Mentars“), das Weltgeschehen bestimmen. Diese Familien, unermeßlich reich und durch teure biotechnologische Fortschritte prasi unsterblich, bekämpfen sich untereinander um nicht nur die Gegenwart, sondern auch die Zukunft zu beherrschen.

Wir verfolgen die einander entgegengesetzt verlaufenden Karrieren von Eleanor Stark und Samson Harger. Eleanor ist eine Geschäftsfrau, clever, fleissig, strategisch, während Sam ein Künstler ist, feinfühlig, gegenwärtig und emotiv. Eleanor begründet eine Geschäftsdynastie, während Sam aufgrund eines „Unfalls“ von Bots der Homeland Control genetisch verbrannt wird, dadurch wird er zum stinkenden Lurchi, dessen Lebenserwartung auf einmal von mehren Jahrhunderten auf wenige Jahrzehnte sinkt, weil seine Zellen die andauernden Verjüngungstherapien nun nicht mehr vertrügen.

Eleanor ist Gründerin von Heliostream, einer Firma die riesige Raumschiffe baut, um Millionen von Menschen über den Verlauf mehrerer Generation in entfernte Sternensysteme zu verfrachten damit sie dort siedeln können. Dass die Kolonisten auf einem fernen Planeten 1000 Hektar Land als Gegenleistung für einen einzigen Hektar Land auf der Erde erhalten, macht dies zu einer hervorragenden Lösung für die grassierende Überbevölkerung. So weit die Theorie.

Während wir die beiden Charaktere begleiten wird schnell klar, dass die vom Autor erschaffene Welt eine ganz andere ist, als unsere. Neben den Superreichen („Affs“) gibt es riesige Heere von Klonen, die alle jeweils nach dem Vornamen des ursprünglichen Spenders typisiert wurden und nicht weiter als billige, spezialisierte Arbeitskräfte sind. So ist zum Beispiel Fred Lodenstane ein russ, gezüchtet um als starker, ordentlicher und widerstandsfähiger Menschentyp unter den anderen Klontypen für Ordnung zu sorgen. So sind jennies perfekte Krankenschwestern und johns besonders geeignet als Müllmänner, lulus sind ganz hübsche und unterhaltsame Frauen. Ab und zu wird aufgrund fehlerhafter Marktforschung auch ein ganzer Klongenus nutzlos: die evangelines wurden geschaffen, um einigen Affs superempathischerweise Gesellschaft zu leisten. Allerdings erweist sich der Marktbedarf für evangelines nach deren Dekantierung als gering, dem gesamten Genus mit 10.000 Einheiten droht Arbeitslosigkeit und damit der soziale Abstieg.

Zwischen Affs und Klonen gibt es noch die normalen Menschen, die sich oft in Chartern (den neuen Familien) zusammenschliessen und sich in Ihren Leben nur von Verjüngungstherapie zu Verjüngungstherapie hangeln.

Die Welt in diesem herausragenden SF Roman ist plausibel und genau so hoffnungsvoll wie erschreckend. Ich denke, David Marusek ist ein Optimist, und zwar einer mit einer blühenden Phantasie.

Marusek’s Leistung besteht in der Verknüpfung von Microsituationen und Megaevents. So sind seine Beschreibungen von Sorgen und Hoffnungen aus der Perspektive seiner Klone ebenso mitreißend wie die großen Visionen Eleanor Starkes für den Fortbestand der Menschheit glorreich sind.

Der Autor ist ein vielseitiger und kluger Mensch (jemand anderes könnte kein Buch wie dieses schreiben), seine Einsichten zu den Themen Kunst, Einsamkeit, Überbevölkerung und künstliche Intelligenz sind ebenso profund wie zum täglichen Kampf ums Überleben und dem Überleben der Attraktion.

Marusek’s Sprache ist überwiegend treffsicher und prägnant, er erzählt genau wie jemand aus dem späten 21. Jahrhundert erzählen könnte. Seine Gesellschaft ist geprägt von den technologischen Fortschritten der Zeit und seine Charaktere von dieser Gesellschaft. Dass der Autor inmitten dieses kreativen Feuerwerks alle Stränge fest in der Hand behält und sich erzählerisch trotz der bahnbrechenden Kreativität trittsicher bewegt, spricht für sein literarisches Talent.

Counting Heads ist eine Bereicherung für jeden, der in diesem 21. Jahrhundert lebt, auf der Erde oder anderswo. Ich kann die Lektüre uneingeschränkt empfehlen.

Empfehlenswert ist auch Marusek’s Follow-up zu dem hier besprochenen Roman: „Mind over Ship“. Hier wird die langfristige Ambition von Eleanor Stark erst richtig deutlich, genau wie die Gefahren, die sich aus der Benutzung der hochleistungsfähigen Mentare ergeben.

Passage at Arms von Glen Cook

Die Beschreibung: „das Boot“ in Science Fiction ist für dieses Werk recht präzise. Es geht um Heldenmut, Gehorsam und letztlich die Sinnlosigkeit des Krieges.

Folgende Situation: Die Menschheit, inzwischen weit in der Galaxy verbreitet, führt einen langwierigen und hochbrutalen Krieg gegen die Rasse der Ulant. Über die Ulant erfahren wir nicht viel, ausser dass Sie in punkto technischer Entwicklung mit der Menschheit etwa gleich auf sind, ähnlich intelligent und etwas größer. Die Menschheit hat den Ulant eine Technologie voraus: den Transhyperdrive, ein Raumantrieb, der die vom Gegner beinah unfindbare Raumfahrt ermöglicht. Allerdings nur für extrem leichte Schiffe, die dann mit kleiner Besatzung und unter großen Entbehrung aus dem nichts auftauchen können um dann Transportkonvoys des Gegners zu torpedieren und damit dessen Nachschublinien zu stören.

Schiffe mit Transhyperdrive, auch Climbers genannt, sind aufgrund der Auslegung auf große Waffenlast extrem eng für die bis zu 49 Besatzungsmitglieder. Eine Dutytour auf einem Climber macht zwar keinen Spass, ist allerdings Vorraussetzung für eine Führungsposition in der „Marine“. Ausserdem ist der Turnover der Climber Crew hoch, denn der Gegner entwickelt zunehmend effektive Gegenmaßnahmen, hat spezielle Zerstörer entwickelt, die Climber aufgrund Ihres Transhyperschattens orten und mit Nullraumbomben auch während eines Climbs zerstören können.

Unser Held (der „einbeinige Intellektuelle“, von allen an Bord nur Lieutenant oder Sir genannt) ist der Autor des Tagesbuches das wir lesen, wird zu Propagandazwecken eine Feindfahrt auf einem Climber unter dem Kommando seines alten Akademiefreundes begleiten. Er ist für diesen PR Job aber mit seiner eigenen Agenda unterwegs.

Von Canaans Mond Terveen am Rande der Galaxie geht es ab auf eine Feindfahrt, in deren Verlauf nicht nur Rekorde gebrochen, sondern auch Legenden geschaffen werden. Der Kommandant führt seine Besatzung von einer haarigen Situation in die andere, er treibt sich, seine Mannschaft und sein Schiff bis an den Anschlag aller Leistungsfähigkeit und dann noch genau so weit darüber hinaus wie nötig. Das wiederkehrende Motiv dieser Odyssey ist Zerstörung: Raumschiffe, Basen und ganze Monde feindliche und eigene, zerstört durch herausragende taktische Leistungen und unglaublich unglückliche Zufälle. Es ein großartiges Abenteuer, von dem je nach Sichtweise alles oder wenig abhängt.

Dabei ist der brutale Kampf kein Ausdruck persönlichen Hasses auf Seiten der Schiffsbesatzung. Es handelt sich um rein geschäftliche Transaktionen. Der Feind wird an Bord nur „the competitor“ oder „gentlemen of the other firm“ genannt.

Cook’s Leistung liegt nicht in der Erschaffung des Szenarios, sondern in der dichten und authentischen Ausmalung einer Mikrosituation innerhalb dieses Szenarios. Seine Figuren sind menschlich glaubwürdig, seine Dialoge präzise und temporeich, der Ton durchweg authentisch und gefühlsecht. Packender und intelligenter kann man kein Buch schreiben, dessen Handlung sich zum größten Teil auf wenigen Kubikmetern mit nur einer kleinen Handvoll Charakteren abspielt. Ich kenne kaum Science Fiction, die menschlicher und feinfühliger geschrieben ist als Passage at Arms.

Lest dieses Buch, wenn Ihr Euch für Kompetenz, Pflicht, Ehre, Gruppendynamik, Männlichkeit, sowie Taktik und Kriegsführung interessiert, lest es wenn Ihr beeindruckende Führungsqualität erleben wollt und lest es, wenn Ihr einfach nur ein hervorragendes Buch sucht.

Um diese Story gut zu erzählen, hätte sich Cook nicht zwingend der Science Fiction bedienen müssen. Dass er es dennoch tat, erhöht aber die Einsätze unheimlich. Gespielt wird nicht mehr um die Vorherrschaft von Menschen untereinander sondern um das Überleben (oder die Vernichtung) der gesamten Menschheit.

Die SF Bibel erwähnt Passage at Arms nur kurz, den Autor aber als „writer of considerable energy but little patience“. Ich persönlich würde Cook, dessen Hauptwerk aber wohl der „High Fantasy“ zuzuordnen ist, aber nach der Lektüre dieses Buches keines von beiden absprechen.

Übrigens, wenn Ihr noch auf der Suche nach weiterem innovativem Science Fiction Lesematerial seid, der Katalog des San Franziskoer Verlages Night Shade Books ist immer einen Blick wert. Das ist meine ungesponsorte Meinung.

READY PLAYER ONE von Earnest Kline

Folgende Situation: In den frühen 2040iger Jahren sind die Ressourcen der Welt fast zu Ende. nur Reiche Leute bewegen sich in der Wirklichkeit noch per Auto oder Flugzeug. Der Großteil der Bevölkerung lebt aus Platzgründen in aufeinandergestapelten Wohnwagen und fristet subventioniert von Essensmarken ein armseliges Dasein.

Das wirkliche Leben spielt sich in einer riesigen virtuellen Welt statt, die sich über Jahrzehnte aus einem WorldofWarcraft Klon entwickelt hat. In 2044 stirbt der Designer dieser Welt und hinterläßt eine Serie von Rätseln, dessen erster Bezwinger sein gesamtes Vermögen, mehr erbt. Es geht um mehr als 100 Milliarden Dollar, dieses „Quest“ verändert die Welt, fast jeder macht sich auf, dem Geheimnis auf die Spur zu kommen.

So auch Wade O, seines Zeichens Schüler, Techniker, Geek und Besserwisser. Er hat sein Leben im Griff: wohnhaft bei seiner ausbeuterischen Tante,verdient er seine Fleischabfälle mit der Reparatur alter technischer Geräte, die er irgendwo aufgelesen hat. Sein wirkliches Leben spielt sich wie das aller anderen Bewohner in der virtuellen Welt namens OASIS ab. Hier geht er zur Schule, hängt aber auch mit seinen Freunden in deren virtuellen Partykellern ab, besonders mit seinem besten Freund Aech (H).

Der Schlüssel zu Lösung der Rätsel: das „Studium“ der jungen Popkultur der achtziger Jahre. Es gibt kaum ein Videospiel, einen Film, eine Serie oder eine Freizeitaktivität dieser Zeit, was nicht haarklein beschrieben wird. Nur wer sich in dieser ansonsten zurecht unglaublich nutzlosen Disziplin auskennt, kann darauf hoffen, den Schatz in Form von im OASIS versteckten Ostereiern zu finden.

Nachdem Wade den ersten Hinweis entschlüsselt hat tritt auch die bösen auf den Plan, eine böse Internetfirma, die Geld und kriminelle Energie verschwenderisch einsetzen, um den Preis des Rätsels zu erlangen. Wozu? Um das zu kaufen und dessen kommerzielles Potential auszuschöpfen. Ja genau, durch den Verkauf von auf die Nutzer zugeschnittener Werbung.

Wade, dessen Avatar Name Parzival ist, schließt sich mit AECH und seiner (Wade’s) Bloggerliebe Art3mis zusammen, um dieses Horrorszenario zu verhindern.

Ich hatte mir fest vorgenommen, dieses Buch nicht zu mögen. Nachdem ich den Trailer des Filmes gesehen hatte war ich fest davon überzeugt, dass es sich bei dem Buch um unsägliche Geekonanie handelt, bei der die Handlung nur den Vorwand stellt, um über größtenteils unbedeutende Trivialfakten aus der Videospielpionierzeit.

Dagegen ist es sehr einfach, Wade nicht zu mögen. Mit seiner ständigen Besserwisserei und oberlehrerhaften Art taugt er nicht als Identifikationsfigur. Ein anderes Problem des Buches ist, dass es kaum originale Ideen gibt. Die meisten virtuellen Orte hier sind Reproduktionen von Sets irgendeines Filmes oder ein Level eines Viedeospiels wie das 8te Level Dungeon von Black Tiger. Es scheint, als wäre die originalgetreue Nachbildung von fiktiven Orten höher zu bewerten als eigene und originäre Gestaltung. Diese Präferenz des Autos gilt eingeschränkt auch für das ganze Buch, was sich negativ auf das Leseerlebnis auswirkt.

ReadyPlayer One ist sicherlich kein kreatives Meisterwerk; hier wird eine gutgemachte Story abgeliefert, die solide ScienceFiction Unterhaltung ohne großen Anspruch bietet. Die Referenzen an die Popkultur der 80iger Jahre die einen Großteil der Geschichte ausmachen sind allerdings weder interessant noch sympathisch. Vielmehr gehen diese dem Leser (auch wenn dieser sich gerne an die besagte Zeit erinnert) bald auf den Keks.

Gypsy von Carter Scholz

Gypsy ist ein dünnes Büchlein, das auf dem Cover den Author zeigt, wie er mit Rucksack und Wanderstiefeln allein in die Wildnis wandert.

Vom Wandern in die Einsamkeit handelt auch das Buch. Hauptsächlich ist es aber eine eloquente Kritik an der von diversen Geheimdiensten mit unerhörten Befugnissen bestimmten Aussenpolitik der USA. Scholz arbeitet mit einer Sequenz aus (fiktiver) Kurzgeschichte, Briefwechsel, realer Politikgeschichte und einem fiktiven Transkript einer Untersuchung vor dem Kongress, in dem ein Vorstand eines US Geheimdienstes satirisch überspitzt erläutert, wie es zum Debakel kommen konnte.

Durch diese Mosaiktechnik ergibt sich für den Leser ein zusammenhängendes Bild, das den fiktiven Teil auf das (bereits unglaubliche) Fundament der Wirklichkeit setzt und dessen Ansätze gekonnt weitertreibt. Der Leser bekommt den Eindruck, der fiktive Teil dieser Geschichte wäre ein Teil der Realität, insgesamt aus der Zukunft betrachtet. Dabei ist die Story „Gypsy“ der zentrale Teil des Buchs, alle anderen Teile des Buches sind eine Zugabe, die die Wirkung noch amplifizieren.

Folgende Situation: Roger Fry hat die Fusionsbombe erfunden. Er wollte mit seiner Forschung eigentlich das Energieproblem der Menschheit lösen, doch daraus wird natürlich nichts. Ein neues Wettrüsten zwischen den führenden Nationen beginnt. Auch sonst ist die Welt im Abschwung begriffen. Überbevölkerung und Erderwärmung haben katastrophale Folgen für die Bewohner, Internationale Großkonzerne sind mächtiger geworden als die meisten Regierungen. Forschung findet nur noch im Namen dieser Konzerne statt und die Schere zwischen arm und reich ist so weit auseinander wie noch nie. Eine langfristige Zukunft der Menschlichen Rasse auf der Erde ist langfristig nicht vorstellbar.

Roger plagt das schlechte Gewissen und er nutzt seinen Einfluss als Wissenschaftler, um insgeheim ein sehr komplexes Projekt voranzutreiben: die Erdenflucht eines Sternenschiffes mit 20 auserwählten Siedlern in das nächstgelegene Sternensystem Alpha Centauri. Um das zu erreichen, löst er gemeinsam mit den besten seiner Kollegen so weit wie möglich alle vorhersehbaren technischen Probleme, rekrutiert seine Crew und stiehlt sogar das „Raumschiff“ eines der wenigen Supperreichen des Planeten.

Es wird klar, dass dies der erste und letzte Versuch sein kann, einen neuen Lebensraum für die Menschheit zu schaffen, denn die Ressourcen des Planeten sind erschöpft, Universitäten gibt es aufgrund der geopolitischen Umstände nicht mehr, ohnehin wird die Erde sehr wahrscheinlich bald im Chaos der Fusionsbomben ausgelöscht.

Kurz bevor sein Plan entdeckt wird, schafft er es tatsächlich, das Raumschiff auf den Weg zu bringen. Es soll nun über 70 Jahre unterwegs sein, in der der Hoffnung, dass ein Planet, den man in dem Sonnensystem vermutet, tatsächlich bewohnbar ist. Es ist ein Longshot wie er extremer kaum vorstellbar wäre. Die Astronauten befinden sich im künstlichen Winterschlaf und werden während der Reise nur dann vom Computer aufgeweckt, wenn sie benötigt werden.

Es ergibt sich ein mitreißendes Stimmungsbild der Sternenfahrer, das zugleich hoffnungsvoll, zunehmend verzweifelt und unendlich einsam ist. Bereits zu Beginn der interstellaren Reise wird der Reiseplan durch eine Kollision beeinträchtigt. Wir erleben die Reise aus der Sicht der jeweils aus dem Winterschlaf erweckten Spezialisten und fühlen deren Hoffnungen und Verzweiflungen. Die Erfolgschancen der Reise werden zunehmend unwahrscheinlicher: zu der frühen Verzögerung kommt ein seltsamer Pilzbefall, der einige Schlafende ereilt, ein mysteriös leerer Tank und viele weitere Herausforderungen.

Durch kurze Rückblenden erfahren wir in Grundzügen die Hintergrundgeschichten einiger der Raumfahrer und bekommen dadurch kurze Einblicke in die Verwirklichung der Mission und die Lage der Menschheit.

Scholz bedient sich wissenschaftlich akkurater Effekte; dieses Buch ist gut ausgeführte „Hard Scifi“, die faktisch korrekt, trotzdem nicht langweilig dröge oder besserwisserisch erscheint.

Dieses Buch sollte man unbedingt lesen, ob man Science Fiction mag oder nicht. Mit seiner frischen Perspektive und seinen profunden Botschaften ist Gypsy ein Paradebeispiel für imaginativ große und weitreichende Fiktion.

Damnation Alley von Roger Zelazny

Laut der obereminenten Encyclopedia of Science Fiction ist Damnation Alley ein gröberes Werk der mittleren Schaffensperiode des Autors, dessen erfolgreichstes Werk der Fantasy, das Beste aber der Science Fiction zuzuordnen ist. Zelazny trat 1962 zusammen mit Ursula le Guin und Thomas M. Disch auf den Plan, 1968 kam dann dieses Buch.

Folgende Situation: Nach einem dreitägigen nuklearen Holocaust sind in den früheren Vereinigten Staaten nur noch der Südwesten (um L.A. herum) und der Nordosten (um Boston) bewohnbar.Der Rest des Landes wird von mutierten Riesen- echsen, -spinnen, -schlangen, und -fledermäusen bevölkert, von radioaktiven Einschlagskratern übersäht und voller Megastürme und Felsregen. Da wird die Stadt Boston von der Beulenpest heimgesucht, das Gegenserum gibt es aber nur in L.A.

Voller Verzweiflung schicken die Bürger Boston’s eine Handvoll Kuriere los, in der Hoffnung, dass L.A. die Nachricht erhält und das Serum wider alle Wahrscheinlichkeit über den gesamten feindlichen Kontinent schickt, damit zumindest ein Teil von Boston’s Bevölkerung die Pest überlebt.

Unter heldenhaftem Einsatz schafft es einer von Boston’s Kurierfahrern tatsächlich, den Kontinent zu überqueren und die Bitte um das Serum mit seinen letzten Atemzügen in L.A. zu überbringen.

Auftritt Hell Tanner. Ja genau, Hell wie Hölle, das ist sein Name. Seines Zeichens Rowdy, Gangleader und Gewaltverbrecher, bekommt er den Auftrag dieses Himmelfahrtskommando anzuführen. Er läßt sich dazu überzeugen, weil der Staat von Neukalifornien im Gegenzug ein vollständige Amnesie für seine Verbrechen anbietet.

Dies ist der Startschuss für einen klassischen postapokalyptischen Roadtrip, bei dem es um viel geht: das Überleben der Stadt Boston und damit wahrscheinlich der einzigen anderen verbleibenden Stätte der Zivilisation. Ganz zu schweigen vom Schicksal unseres charismatischen Helden.

Grob erzählt ist dieser kurze Roman wirklich; die unkomplexe Story wird mit den breitesten Pinselstrichen gezeichnet. Kapitelweise wechselt sich die fortschreitende Reise Tanner’s mit bedauernswerten Einzelschicksalen der Bürger von Boston ab. Auch Tanner’s Charakter selbst glänzt nicht mit Tiefgründigkeit: er ist trotz seiner grumpeligen Art einfach ein liebenswerter Kerl, der seine Freiheit über alles liebt. Dies wird gleich zu Anfang deutlich, als er die Teilnahme seines Bruders an der Expedition mittels angebrochener Rippen erfolgreich verhindert.

Es folgt die Heldenreise in Kurzform: Tanner überwindet mit seinem krassen Gefährt nacheinander Bestien und Unwetter, wobei seine anfänglichen Mitstreiter fast alle relativ schnell den Löffel abgeben. Je näher er aber Boston kommt, desto öfter sind seine Widersacher und Hindernisse menschlicher Art. Für eine kurze Liebesaffäre am Wegesrand findet unser Held natürlich auch noch Zeit.

Dieser Science Fiction Roman ist knackig, vordergründig und amerikanisch; Grobheit hin oder her, diee Geschichte ist interessant weil abenteuerlich. Wer eine schnelle, erfrischend geradlinige Geschichte der Postapokalypse auslesen möchte, bevor der ICE von Berlin nach Köln die Zugteilung in Hamm erreicht, dem sei dieses Buch empfohlen.

Spannend ist übrigens die Einordnung von Damnation Alley in die SF Epoche der New Wave, die sich in der ersten heißen Phase des kalten Krieges in den westlichen Nationen, vor allem den USA und Großbritannien, entwickelte. Die New Wave ist geprägt vom menschlichen Charakter vieler Geschichten, dessen Szenarien vor allem psycho- und soziologische Themen vor dem Hintergrund unschöner Problematiken wie Devolution, Überbevölkerung und nuklearen Holocaust behandeln.

Die New Wave steht im Gegensatz zu der oft überenthusiastischen Zuversicht der Menschheit und dem Glauben an die eigene Überlegenheit, welche die vorangegangene Epoche bestimmte.

Zu diesem Thema lest Ihr in späteren Beiträgen mehr.

Altered Carbon (an original Netflix Series)

Takeshi Kovacs hat nichts, rein gar nichts zu verlieren. In einem Luxuskörper wiederbelebt, soll er den „Mord“ eines superreichen ‚Meths‘ aufklären. Der Auftraggeber ist natürlich der ermordete selbst. Takeshi hat kein Interesse und will die Zeit, die ihm bleibt und den großzügigen Credit, der ihm von seinem Auftraggeber eingeräumt wurde, genießen, bevor er wieder eingefroren wird. Als er dann unmittelbar nach Ankunft in seinem KI Hotel von brutalen Schlägern angegriffen wird, entschließt er sich, doch eine Weile in der Gegend zu bleiben.

Folgende Situation: Wir sind im 25sten Jahrhundert. Aufgrund technischer Fortschritte kann das Bewusstsein (die Seele?) aller Menschen auf einem Chip gespeichert werden. Damit können Menschen ansatzlos von einem Körper in den anderen wechseln und damit theoretisch unendlich lange leben. Damit das funktioniert, müssen nur genügend neue Auswechselkörper (‚Sleeves‘) zur Verfügung stehen. Außerdem haben die meisten Meths auch einen Backup. der ihre Persönlichkeit alle 48 Stunden per Satellit in die Cloud hochlädt. Beides ist allerdings sehr teuer, darum ist wahre Unsterblichkeit nur für das oberste Prozent.

In der Zwischenzeit hat die Menschheit mehrere Planetensysteme besiedelt, die alte Erde gilt als politisch konservativer, daher rückschrittlicher Ort, an dem die großen und armen Massen von einer kleiner Anzahl elitärer Meths faktisch beherrscht wird.

Kovacs ist ein ehemaliges Mitglied der Envoy Corps, einer elitären interplanetaren Soldatengruppe. Als solcher ist er natürlich hervorragend für Konfliktsituationen aller Art ausgebildet. Er zögert nicht, diese Ausbildung effektiv anzuwenden. Zusätzlich hat Bancroft, sein Auftraggeber für Ihn den früheren Körper eines streitbaren Polizisten ausgesucht. Der hatte noch eine Menge Feinde; so ist nach seinem vermeintlichen Wiederauftauchen natürlich einiges los.

Bancroft will beweisen, dass er sich nicht selbst getötet hat. Für diese These spricht zu Beginn nicht sehr viel.

Kovacs quartiert sich in einem AI Hotel (the Hendrix) ein, er macht es zu seinem Takeshi’s Schloss. In der Folge gewinnt er die zunächst mürrische Polizeiermittlerin Ortega, sowie den ehemaligen Marine Elliott und seine Familie für seine Sache.

Ortega war Ryker’s frühere Partnerin, daher sind rein körperlich noch einige Spannungen vorhanden. Auch Miriam Bancroft, die ewig jugendlich schöne Frau des Ermordeten (verheiratet seit 300+ Jahren!) ist auf der Suche nach erotischen Abenteuern.

Highlights der ersten Staffel sind eine Folge, in der Kovacs aus der virtuellen Folter (lange Geschichte) entkommt und die vielen Rückblicke auf Kovacs‘ frühere Envoyausbildung und -leben.

Am Ende geht es gar nicht um Bancroft, sondern um eine seiner unmenschlichen Vergnügungen: ein Bordell, das über den Wolken kreist und sehr unorthodoxe Praktiken anbietet. Das ‚Head in the clouds‘ wird obendrein von Kovac’s Schwester geleitet.

Hier gibt es einige deutliche Unterschiede der Serie zum Buch von Richard Morgan. Diese werde ich aber in einem separaten Artikel beleuchten.

Die Welt der Serie ist komplex, aber schlüssig. Ein Großteil der Faszination und der Spannung die diese Serie zweifellos generiert, entspringt dieser Komplexität, den ansprechenden Charakteren und der hervorragenden visuellen Arbeit.

Die Serie wartet mit opulenten und sehr bunten Bildern auf. Die Welt der Erde der Zukunft wurde auf beeindruckende Weise dargestellt. Besonders der Unterschied zwischen der Welt der Reichen, die über den Wolken wohnen und der Umgebung der anderen, die größtenteils in schäbigen Gossen und auf slumähnlichen Brücken wohnen.

Visuell prägnant ist auch die körperliche Schönheit der Hauptcharaktere, die oft nackt oder halbnackt durch die Gegend laufen. Das ist toll, denn wer sieht nicht gerne schöne nackte Menschen, unterstreicht aber auch prägnant die Handlung: der schöne jugendliche Körper ist das ultimative Statussymbol reicher Menschen und deren Hilfe.

Insgesamt kann ich die Serie vollumfänglich empfehlen. Altered Carbon erzählt eine spannende und ansprechende Geschichte, die in einer faszinierenden Welt voller neuer (und trotzdem relevanter) Themen stattfindet. Dies ist Science Fiction in seiner aufregendsten Spielart.

Und diese Serie ist so erfolgreich, dass Netflix vor kurzem die Produkion einer zweiten Staffel bestätigte.