Pills and Starships von Lydia Milllet

Um es vorweg zu sagen, in diesem Coming of Age Roman, der eigentlich für Teenager geschrieben ist, gibt es keine großen, gesellschaftlichen Umschwünge. Als Alternative zur Gesellschaft unter der Kontrolle einer weniger Megacorporations wird eine ursprüngliche sozialistische Lebensform angeboten, die aber auch nur auf Mikroebene (für die Darstellerin und ihre Familie) passiert.

Der Reihe nach: der Roman besteht aus dem Tagebuch der vierzehnjährigen Nat. Sie beginnt mit der selbstgewählten Beendung der Lebens Ihrer Eltern, zu dessen Zelebrierung sie und Ihr Bruder Sam mit den Eltern nach Hawaii reisen. Hier will die Familie gemeinsam Ihre letzte Woche erleben und, unterstützt von vielerlei Pharmaprodukten, ausführlich Abschied voneinander nehmen.

Folgende Situation: etwa 200 Jahre in der Zukunft ist die Welt durch Erderwärmung gezeichnet: die Pole sind geschmolzen, durch den angestiegenen Meerespiegel sind viele Inseln verschwunden, die verbliebenen Landmassen werden von hohen Meereswällen geschützt. Eine Vielzahl von Unwettern plagt die Erde, besonders Megastürme und die resultierenden Flutwellen sind gehr gefährlich. Die intensive Sonneneinstrahlung und grassierende Superviren sorgen dafür, dass niemand nach draussen geht, der es nicht muss. Die allermeisten Tiere und Pflanzen sind aufgrund der veränderten Bedingungen ausgestorben. Nutzvieh ist abgeschafft, für Reisen gibt es strenge Strafsteuern, die sich am Footprint der Reiseart orientiert. Allerdings ist die Pharmaindustrie so weit entwickelt, dass die Lebenserwartung, zumindest in der ersten Welt und hier nur für den obersten Teil der Bevölkerung, auf deutlich über 100 Jahre angestiegen ist.

Der Tipping Point, also der Punkt, an dem die Erde unwiederbringlich der Unbewohnbarkeit entgegensteuert, liegt bereits einige Jahre in der Vergangenheit.

Da diejenigen, die den Luxus haben so alt zu werden, das Leid nicht ertragen können, entwickelt sich eine Industrie, die Verträge zur Beendung Ihrer Leben verkauft. Vertragsinhaber werden über einige Monate hinweg, stark unterstützt von stimmungsprägenden Medikamenten auf das friedliche Ableben vorbereitet. Das Ende wird dann, gemeinsam mit den Angehörigen, in der Final Week ausgiebig gefeiert. Am Ende der Woche geben dann die Vertragsinhaber per Medikament den Löffel ab.

Der Reiz dieser Geschichte besteht vor allem in der größtenteils plausiblen Prämisse. In 2014 erschienen, ist diese besorgniserregend nahe an den aktuellen Themen.

Die Sprache des Buches ist gelungen, eine amerikanische Teenagerin drückt sich wahrscheinlich tatsächlich so oder so ähnlich aus. Dass aber der gesamte Roman als Tagebuch dieser Teenagerin angelegt ist , trotz der vielen Einsichten, die Bruder gewonnen und an sie weitergegeben hat, der größte Schwachpunkt dieses Werkes. Was Nat passiert und wie sie die Geschehnisse einordnet ist (wahrscheinlich) wirklich nur für die Teenagerinnen interessant, für die das Buch geschrieben wurde.

Die Handlung ist schwach, Nat wird über die Ereignisse größtenteils im Dunklen gelassen. Viele Ereignisse sind erzähltechnisch überflüssig, andere fehlen komplett. Das schwächste Kapitel ist das Ende das, lange nachdem alles klar ist, typisch amerikanisch über die Bedeutung der Zukunft und der Notwendigkeit in den Belief peptalkt.

Der stärkste Teil des Buches ist die Verschwörung der Corporations, die das Problem der Überbevölkerung durch die Sterbeverträge und in ärmeren Gegenden auf gewaltsame Weise zu lösen suchen. Gerne hätten wir mehr gelernt, über die Corporations, über die Probleme der ärmeren Bevölkerung und über die Geschichte bis hier hin.

Auch stark war die detaillierte Beschreibung der Sterbewoche für die Vertragsinhaber und deren angehörigen, sowie die eigene Sprache, die die Corporations erfanden um den schwierigen Begriffe des Sterbens einen positiven Spin zu geben.

Dieses Buch ist kein Meisterwerk, allerdings wäre mit dieser Prämisse einiges mehr an Spannung und viel mehr an Faszination möglich geworden. Schade.

Fantasy vs. Science Fiction

„..science fiction is something that could happen – but usually you wouldn’t want it to. Fantasy is something that couldn’t happen – though often you only wish that it could.“

Arthur C. Clarke

Fantasy und Science Fiction, zwei Genres, die unterschiedlicher kaum sein könnten, werden immer noch (im Jahre 2018, werter Leser) vielerorts über einen Kamm geschoren. Im Buchladen gibt es meist ein kleines Regal mit der Bezeichnung Fantasy/ Science Fiction, Filme aus beiden Genres werden der gleichen Kategorie zugeordnet und Anhänger beider Faktionen werden gerne in die gleiche Schublade eingeordnet.

Was haben beide Genres gemeinsam? Beide erschaffen oft ganze Welten, komplett mit komplexen Gesellschaften, faszinierenden Orten und sogar eigenen Sprachen. Bei den besseren Vertretern beider Genres sind diese Welten in sich schlüssig und üben eine Anziehungskraft, die die unserer „normalen“ Welt um ein Vielfaches übersteigt.

Was haben beide Genres nicht gemeinsam? Alles andere!

Ich bin gegen die verallgemeinernde Zusammenlegung von Science Fiction und Fantasy sowie der daraus resultierenden Abschiebung derer Anhänger in gleichwertige (gleichermaßen nicht ernst zunehmende) Randgruppen. Dazu muss ich sagen, dass ich persönlich mich für Fantasy im Allgemeinen nicht begeistern kann, obwohl auch dieses Genre vereinzelt wertvolle Schöpfungen hervorbringen kann.

Der Grund für meine Abneigung ist einfach: Fantasyautoren verlassen sich bei der Konstruktion ihrer Welten auf rein fantastische Sachverhalte wie Fabelwesen, Zauberkräfte und magische Artefakte. Bei Ihren Geschichten stehen die Helden und deren Herausforderungen im Vordergrund, ihre Charakterreise gegen den oder die offensichtlichen bösen Kräfte. Kriege und Intrigen zwischen Menschen und anderen Rassen sind oft oder meistens ein Nebenthema dieser Geschichten.

Gut gemachte Fantasy kann durchaus sehr unterhaltend sein. Sie kann uns auch etwas über die Welt erzählen, in der wir wirklich leben. Fantasy ist oft inspiriert von der Wirklichkeit in Form von Gegenwart oder Geschichte, inspiriert die Wirklichkeit aber so gut wie nie.

Science Fiction dagegen stellt von Anfang an ganz andere Fragen. Wie sieht die Welt in der Zukunft aus, wenn es genau so weitergeht? Was wäre, wenn die Weltgeschichte zu Zeitpunkt X anders verlaufen wäre? Was ist, wenn etwas vollkommen unerwartetes passiert? Wie würden Außerirdische die Menschheit wahrnehmen? Wie sieht die Zukunft wirklich aus?

Noch spannender: Science Fiction ist ein Spiegel der jeweils aktuellen Zukunftsvorstellungen: Genrevertreter aus den USA der 40iger unterscheiden sich grundlegend von sowjetischer Futurologie aus den 80igern. Während des kalten Krieges herrschte düstere Endzeitstimmung, danach eine Welle lebensfroh-bunter Fortschrittsoptimistik.

Bei guter Science Fiction sind die Handlung und die Charaktere nur die Treiber der Reise durch durch dieerschaffene Welt. Science Fiction erlaubt atemberaubende Perspektivenwechsel und -erweiterungen, das Ausprobieren plausibler wie weit hergeholter Szenarien und eine Dichte von Ideen, die den geneigten Leser mit den Ohren schlackern lassen.

Meiner Meinung nach ist genau das Literatur: das Verschieben von Horizonten und die Reflektion bestehender Sachverhalte wird erlaubt durch die Schaffung spannender Welten und Stellung von Fragen, die uns in der Zukunft plausiblerweise wirklich stellen könnten.

Eine unvollständige Übersicht über die vielen Spielarten der Science Fiction bekommt Ihr in naher Zukunft in einem anderen Artikel.

Euch zu zeigen, wie spannend gute Science Fiction sein kann, ist das Ziel dieses Blogs.