Gypsy von Carter Scholz

Gypsy ist ein dünnes Büchlein, das auf dem Cover den Author zeigt, wie er mit Rucksack und Wanderstiefeln allein in die Wildnis wandert.

Vom Wandern in die Einsamkeit handelt auch das Buch. Hauptsächlich ist es aber eine eloquente Kritik an der von diversen Geheimdiensten mit unerhörten Befugnissen bestimmten Aussenpolitik der USA. Scholz arbeitet mit einer Sequenz aus (fiktiver) Kurzgeschichte, Briefwechsel, realer Politikgeschichte und einem fiktiven Transkript einer Untersuchung vor dem Kongress, in dem ein Vorstand eines US Geheimdienstes satirisch überspitzt erläutert, wie es zum Debakel kommen konnte.

Durch diese Mosaiktechnik ergibt sich für den Leser ein zusammenhängendes Bild, das den fiktiven Teil auf das (bereits unglaubliche) Fundament der Wirklichkeit setzt und dessen Ansätze gekonnt weitertreibt. Der Leser bekommt den Eindruck, der fiktive Teil dieser Geschichte wäre ein Teil der Realität, insgesamt aus der Zukunft betrachtet. Dabei ist die Story „Gypsy“ der zentrale Teil des Buchs, alle anderen Teile des Buches sind eine Zugabe, die die Wirkung noch amplifizieren.

Folgende Situation: Roger Fry hat die Fusionsbombe erfunden. Er wollte mit seiner Forschung eigentlich das Energieproblem der Menschheit lösen, doch daraus wird natürlich nichts. Ein neues Wettrüsten zwischen den führenden Nationen beginnt. Auch sonst ist die Welt im Abschwung begriffen. Überbevölkerung und Erderwärmung haben katastrophale Folgen für die Bewohner, Internationale Großkonzerne sind mächtiger geworden als die meisten Regierungen. Forschung findet nur noch im Namen dieser Konzerne statt und die Schere zwischen arm und reich ist so weit auseinander wie noch nie. Eine langfristige Zukunft der Menschlichen Rasse auf der Erde ist langfristig nicht vorstellbar.

Roger plagt das schlechte Gewissen und er nutzt seinen Einfluss als Wissenschaftler, um insgeheim ein sehr komplexes Projekt voranzutreiben: die Erdenflucht eines Sternenschiffes mit 20 auserwählten Siedlern in das nächstgelegene Sternensystem Alpha Centauri. Um das zu erreichen, löst er gemeinsam mit den besten seiner Kollegen so weit wie möglich alle vorhersehbaren technischen Probleme, rekrutiert seine Crew und stiehlt sogar das „Raumschiff“ eines der wenigen Supperreichen des Planeten.

Es wird klar, dass dies der erste und letzte Versuch sein kann, einen neuen Lebensraum für die Menschheit zu schaffen, denn die Ressourcen des Planeten sind erschöpft, Universitäten gibt es aufgrund der geopolitischen Umstände nicht mehr, ohnehin wird die Erde sehr wahrscheinlich bald im Chaos der Fusionsbomben ausgelöscht.

Kurz bevor sein Plan entdeckt wird, schafft er es tatsächlich, das Raumschiff auf den Weg zu bringen. Es soll nun über 70 Jahre unterwegs sein, in der der Hoffnung, dass ein Planet, den man in dem Sonnensystem vermutet, tatsächlich bewohnbar ist. Es ist ein Longshot wie er extremer kaum vorstellbar wäre. Die Astronauten befinden sich im künstlichen Winterschlaf und werden während der Reise nur dann vom Computer aufgeweckt, wenn sie benötigt werden.

Es ergibt sich ein mitreißendes Stimmungsbild der Sternenfahrer, das zugleich hoffnungsvoll, zunehmend verzweifelt und unendlich einsam ist. Bereits zu Beginn der interstellaren Reise wird der Reiseplan durch eine Kollision beeinträchtigt. Wir erleben die Reise aus der Sicht der jeweils aus dem Winterschlaf erweckten Spezialisten und fühlen deren Hoffnungen und Verzweiflungen. Die Erfolgschancen der Reise werden zunehmend unwahrscheinlicher: zu der frühen Verzögerung kommt ein seltsamer Pilzbefall, der einige Schlafende ereilt, ein mysteriös leerer Tank und viele weitere Herausforderungen.

Durch kurze Rückblenden erfahren wir in Grundzügen die Hintergrundgeschichten einiger der Raumfahrer und bekommen dadurch kurze Einblicke in die Verwirklichung der Mission und die Lage der Menschheit.

Scholz bedient sich wissenschaftlich akkurater Effekte; dieses Buch ist gut ausgeführte „Hard Scifi“, die faktisch korrekt, trotzdem nicht langweilig dröge oder besserwisserisch erscheint.

Dieses Buch sollte man unbedingt lesen, ob man Science Fiction mag oder nicht. Mit seiner frischen Perspektive und seinen profunden Botschaften ist Gypsy ein Paradebeispiel für imaginativ große und weitreichende Fiktion.

Damnation Alley von Roger Zelazny

Laut der obereminenten Encyclopedia of Science Fiction ist Damnation Alley ein gröberes Werk der mittleren Schaffensperiode des Autors, dessen erfolgreichstes Werk der Fantasy, das Beste aber der Science Fiction zuzuordnen ist. Zelazny trat 1962 zusammen mit Ursula le Guin und Thomas M. Disch auf den Plan, 1968 kam dann dieses Buch.

Folgende Situation: Nach einem dreitägigen nuklearen Holocaust sind in den früheren Vereinigten Staaten nur noch der Südwesten (um L.A. herum) und der Nordosten (um Boston) bewohnbar.Der Rest des Landes wird von mutierten Riesen- echsen, -spinnen, -schlangen, und -fledermäusen bevölkert, von radioaktiven Einschlagskratern übersäht und voller Megastürme und Felsregen. Da wird die Stadt Boston von der Beulenpest heimgesucht, das Gegenserum gibt es aber nur in L.A.

Voller Verzweiflung schicken die Bürger Boston’s eine Handvoll Kuriere los, in der Hoffnung, dass L.A. die Nachricht erhält und das Serum wider alle Wahrscheinlichkeit über den gesamten feindlichen Kontinent schickt, damit zumindest ein Teil von Boston’s Bevölkerung die Pest überlebt.

Unter heldenhaftem Einsatz schafft es einer von Boston’s Kurierfahrern tatsächlich, den Kontinent zu überqueren und die Bitte um das Serum mit seinen letzten Atemzügen in L.A. zu überbringen.

Auftritt Hell Tanner. Ja genau, Hell wie Hölle, das ist sein Name. Seines Zeichens Rowdy, Gangleader und Gewaltverbrecher, bekommt er den Auftrag dieses Himmelfahrtskommando anzuführen. Er läßt sich dazu überzeugen, weil der Staat von Neukalifornien im Gegenzug ein vollständige Amnesie für seine Verbrechen anbietet.

Dies ist der Startschuss für einen klassischen postapokalyptischen Roadtrip, bei dem es um viel geht: das Überleben der Stadt Boston und damit wahrscheinlich der einzigen anderen verbleibenden Stätte der Zivilisation. Ganz zu schweigen vom Schicksal unseres charismatischen Helden.

Grob erzählt ist dieser kurze Roman wirklich; die unkomplexe Story wird mit den breitesten Pinselstrichen gezeichnet. Kapitelweise wechselt sich die fortschreitende Reise Tanner’s mit bedauernswerten Einzelschicksalen der Bürger von Boston ab. Auch Tanner’s Charakter selbst glänzt nicht mit Tiefgründigkeit: er ist trotz seiner grumpeligen Art einfach ein liebenswerter Kerl, der seine Freiheit über alles liebt. Dies wird gleich zu Anfang deutlich, als er die Teilnahme seines Bruders an der Expedition mittels angebrochener Rippen erfolgreich verhindert.

Es folgt die Heldenreise in Kurzform: Tanner überwindet mit seinem krassen Gefährt nacheinander Bestien und Unwetter, wobei seine anfänglichen Mitstreiter fast alle relativ schnell den Löffel abgeben. Je näher er aber Boston kommt, desto öfter sind seine Widersacher und Hindernisse menschlicher Art. Für eine kurze Liebesaffäre am Wegesrand findet unser Held natürlich auch noch Zeit.

Dieser Science Fiction Roman ist knackig, vordergründig und amerikanisch; Grobheit hin oder her, diee Geschichte ist interessant weil abenteuerlich. Wer eine schnelle, erfrischend geradlinige Geschichte der Postapokalypse auslesen möchte, bevor der ICE von Berlin nach Köln die Zugteilung in Hamm erreicht, dem sei dieses Buch empfohlen.

Spannend ist übrigens die Einordnung von Damnation Alley in die SF Epoche der New Wave, die sich in der ersten heißen Phase des kalten Krieges in den westlichen Nationen, vor allem den USA und Großbritannien, entwickelte. Die New Wave ist geprägt vom menschlichen Charakter vieler Geschichten, dessen Szenarien vor allem psycho- und soziologische Themen vor dem Hintergrund unschöner Problematiken wie Devolution, Überbevölkerung und nuklearen Holocaust behandeln.

Die New Wave steht im Gegensatz zu der oft überenthusiastischen Zuversicht der Menschheit und dem Glauben an die eigene Überlegenheit, welche die vorangegangene Epoche bestimmte.

Zu diesem Thema lest Ihr in späteren Beiträgen mehr.

Altered Carbon (an original Netflix Series)

Takeshi Kovacs hat nichts, rein gar nichts zu verlieren. In einem Luxuskörper wiederbelebt, soll er den „Mord“ eines superreichen ‚Meths‘ aufklären. Der Auftraggeber ist natürlich der ermordete selbst. Takeshi hat kein Interesse und will die Zeit, die ihm bleibt und den großzügigen Credit, der ihm von seinem Auftraggeber eingeräumt wurde, genießen, bevor er wieder eingefroren wird. Als er dann unmittelbar nach Ankunft in seinem KI Hotel von brutalen Schlägern angegriffen wird, entschließt er sich, doch eine Weile in der Gegend zu bleiben.

Folgende Situation: Wir sind im 25sten Jahrhundert. Aufgrund technischer Fortschritte kann das Bewusstsein (die Seele?) aller Menschen auf einem Chip gespeichert werden. Damit können Menschen ansatzlos von einem Körper in den anderen wechseln und damit theoretisch unendlich lange leben. Damit das funktioniert, müssen nur genügend neue Auswechselkörper (‚Sleeves‘) zur Verfügung stehen. Außerdem haben die meisten Meths auch einen Backup. der ihre Persönlichkeit alle 48 Stunden per Satellit in die Cloud hochlädt. Beides ist allerdings sehr teuer, darum ist wahre Unsterblichkeit nur für das oberste Prozent.

In der Zwischenzeit hat die Menschheit mehrere Planetensysteme besiedelt, die alte Erde gilt als politisch konservativer, daher rückschrittlicher Ort, an dem die großen und armen Massen von einer kleiner Anzahl elitärer Meths faktisch beherrscht wird.

Kovacs ist ein ehemaliges Mitglied der Envoy Corps, einer elitären interplanetaren Soldatengruppe. Als solcher ist er natürlich hervorragend für Konfliktsituationen aller Art ausgebildet. Er zögert nicht, diese Ausbildung effektiv anzuwenden. Zusätzlich hat Bancroft, sein Auftraggeber für Ihn den früheren Körper eines streitbaren Polizisten ausgesucht. Der hatte noch eine Menge Feinde; so ist nach seinem vermeintlichen Wiederauftauchen natürlich einiges los.

Bancroft will beweisen, dass er sich nicht selbst getötet hat. Für diese These spricht zu Beginn nicht sehr viel.

Kovacs quartiert sich in einem AI Hotel (the Hendrix) ein, er macht es zu seinem Takeshi’s Schloss. In der Folge gewinnt er die zunächst mürrische Polizeiermittlerin Ortega, sowie den ehemaligen Marine Elliott und seine Familie für seine Sache.

Ortega war Ryker’s frühere Partnerin, daher sind rein körperlich noch einige Spannungen vorhanden. Auch Miriam Bancroft, die ewig jugendlich schöne Frau des Ermordeten (verheiratet seit 300+ Jahren!) ist auf der Suche nach erotischen Abenteuern.

Highlights der ersten Staffel sind eine Folge, in der Kovacs aus der virtuellen Folter (lange Geschichte) entkommt und die vielen Rückblicke auf Kovacs‘ frühere Envoyausbildung und -leben.

Am Ende geht es gar nicht um Bancroft, sondern um eine seiner unmenschlichen Vergnügungen: ein Bordell, das über den Wolken kreist und sehr unorthodoxe Praktiken anbietet. Das ‚Head in the clouds‘ wird obendrein von Kovac’s Schwester geleitet.

Hier gibt es einige deutliche Unterschiede der Serie zum Buch von Richard Morgan. Diese werde ich aber in einem separaten Artikel beleuchten.

Die Welt der Serie ist komplex, aber schlüssig. Ein Großteil der Faszination und der Spannung die diese Serie zweifellos generiert, entspringt dieser Komplexität, den ansprechenden Charakteren und der hervorragenden visuellen Arbeit.

Die Serie wartet mit opulenten und sehr bunten Bildern auf. Die Welt der Erde der Zukunft wurde auf beeindruckende Weise dargestellt. Besonders der Unterschied zwischen der Welt der Reichen, die über den Wolken wohnen und der Umgebung der anderen, die größtenteils in schäbigen Gossen und auf slumähnlichen Brücken wohnen.

Visuell prägnant ist auch die körperliche Schönheit der Hauptcharaktere, die oft nackt oder halbnackt durch die Gegend laufen. Das ist toll, denn wer sieht nicht gerne schöne nackte Menschen, unterstreicht aber auch prägnant die Handlung: der schöne jugendliche Körper ist das ultimative Statussymbol reicher Menschen und deren Hilfe.

Insgesamt kann ich die Serie vollumfänglich empfehlen. Altered Carbon erzählt eine spannende und ansprechende Geschichte, die in einer faszinierenden Welt voller neuer (und trotzdem relevanter) Themen stattfindet. Dies ist Science Fiction in seiner aufregendsten Spielart.

Und diese Serie ist so erfolgreich, dass Netflix vor kurzem die Produkion einer zweiten Staffel bestätigte.

Pills and Starships von Lydia Milllet

Um es vorweg zu sagen, in diesem Coming of Age Roman, der eigentlich für Teenager geschrieben ist, gibt es keine großen, gesellschaftlichen Umschwünge. Als Alternative zur Gesellschaft unter der Kontrolle einer weniger Megacorporations wird eine ursprüngliche sozialistische Lebensform angeboten, die aber auch nur auf Mikroebene (für die Darstellerin und ihre Familie) passiert.

Der Reihe nach: der Roman besteht aus dem Tagebuch der vierzehnjährigen Nat. Sie beginnt mit der selbstgewählten Beendung der Lebens Ihrer Eltern, zu dessen Zelebrierung sie und Ihr Bruder Sam mit den Eltern nach Hawaii reisen. Hier will die Familie gemeinsam Ihre letzte Woche erleben und, unterstützt von vielerlei Pharmaprodukten, ausführlich Abschied voneinander nehmen.

Folgende Situation: etwa 200 Jahre in der Zukunft ist die Welt durch Erderwärmung gezeichnet: die Pole sind geschmolzen, durch den angestiegenen Meerespiegel sind viele Inseln verschwunden, die verbliebenen Landmassen werden von hohen Meereswällen geschützt. Eine Vielzahl von Unwettern plagt die Erde, besonders Megastürme und die resultierenden Flutwellen sind gehr gefährlich. Die intensive Sonneneinstrahlung und grassierende Superviren sorgen dafür, dass niemand nach draussen geht, der es nicht muss. Die allermeisten Tiere und Pflanzen sind aufgrund der veränderten Bedingungen ausgestorben. Nutzvieh ist abgeschafft, für Reisen gibt es strenge Strafsteuern, die sich am Footprint der Reiseart orientiert. Allerdings ist die Pharmaindustrie so weit entwickelt, dass die Lebenserwartung, zumindest in der ersten Welt und hier nur für den obersten Teil der Bevölkerung, auf deutlich über 100 Jahre angestiegen ist.

Der Tipping Point, also der Punkt, an dem die Erde unwiederbringlich der Unbewohnbarkeit entgegensteuert, liegt bereits einige Jahre in der Vergangenheit.

Da diejenigen, die den Luxus haben so alt zu werden, das Leid nicht ertragen können, entwickelt sich eine Industrie, die Verträge zur Beendung Ihrer Leben verkauft. Vertragsinhaber werden über einige Monate hinweg, stark unterstützt von stimmungsprägenden Medikamenten auf das friedliche Ableben vorbereitet. Das Ende wird dann, gemeinsam mit den Angehörigen, in der Final Week ausgiebig gefeiert. Am Ende der Woche geben dann die Vertragsinhaber per Medikament den Löffel ab.

Der Reiz dieser Geschichte besteht vor allem in der größtenteils plausiblen Prämisse. In 2014 erschienen, ist diese besorgniserregend nahe an den aktuellen Themen.

Die Sprache des Buches ist gelungen, eine amerikanische Teenagerin drückt sich wahrscheinlich tatsächlich so oder so ähnlich aus. Dass aber der gesamte Roman als Tagebuch dieser Teenagerin angelegt ist , trotz der vielen Einsichten, die Bruder gewonnen und an sie weitergegeben hat, der größte Schwachpunkt dieses Werkes. Was Nat passiert und wie sie die Geschehnisse einordnet ist (wahrscheinlich) wirklich nur für die Teenagerinnen interessant, für die das Buch geschrieben wurde.

Die Handlung ist schwach, Nat wird über die Ereignisse größtenteils im Dunklen gelassen. Viele Ereignisse sind erzähltechnisch überflüssig, andere fehlen komplett. Das schwächste Kapitel ist das Ende das, lange nachdem alles klar ist, typisch amerikanisch über die Bedeutung der Zukunft und der Notwendigkeit in den Belief peptalkt.

Der stärkste Teil des Buches ist die Verschwörung der Corporations, die das Problem der Überbevölkerung durch die Sterbeverträge und in ärmeren Gegenden auf gewaltsame Weise zu lösen suchen. Gerne hätten wir mehr gelernt, über die Corporations, über die Probleme der ärmeren Bevölkerung und über die Geschichte bis hier hin.

Auch stark war die detaillierte Beschreibung der Sterbewoche für die Vertragsinhaber und deren angehörigen, sowie die eigene Sprache, die die Corporations erfanden um den schwierigen Begriffe des Sterbens einen positiven Spin zu geben.

Dieses Buch ist kein Meisterwerk, allerdings wäre mit dieser Prämisse einiges mehr an Spannung und viel mehr an Faszination möglich geworden. Schade.

Stranger in a Strange Land – Robert A. Heinlein

Dieses Buch erlangte während der Bürgerrechtsbewegung in den USA der sechziger Jahre Kultstatus. Der im Buch propagierte freie Umgang mit Liebe und die schier unendliche Güte des auf dem Mars geborenen Michael Valentine Smith, sowie die religionskritischen Motive und Themen waren 1961 im prüden Amerika beinahe revolutionär.

Stranger in a Strange Land war eines Von Charles Manson’s Lieblingsbüchern, die Idee zur Ermordung von Sharon Tate gab er an, nach der Lektüre dieses Buches entwickelt zu haben.

Das Verb „to grok“, ein Ausdruck, den Michael sehr häufig benutzt, ging kurzzeitig in die populäre Jugendsprache ein, es bedeutet u.a. ein tiefes Verstehen und ein empathisches, gemeinsames Geniessen. Einige Sprachwissenschaftler behaupten, dass es in diesem Buch mindestens 100 weitere, distinkte Bedeutungen des Wortes gäbe.

Der Autor leistete, nach seiner Zeit bei der US Marine und seinem abgebrochenen Physikstudium, einen entscheidenen Beitrag zum Erfolg des Genres wie wir es heute kennen; er war im Zentrum der sogenannten Golden Age of Science Fiction aktiv. Sein frühes Werk bestand hauptsächlich aus Kurzgeschichten und Jugendromanen, erst mit „Starship Troopers“ erreichte er 1959 den Zenith seiner Karriere und gewann den begehrten Hugo Award.

Stranger in a Strange Land traf bei seiner Veröffentlichung den Zeitgeist und gilt als Heinlein’s stärkstes Werk; es verkaufte sich mehr als 5 Millionen Mal, gewann einen weiteren Hugo Award und galt als einflussreichster SF Roman aller Zeiten. Nach 61 entwickelte Heinlein immer merkwürdigere Ideen, die sein späteres Werk durchzog und ihn bis zu seinem Tod 1988 starker Kritik aussetzte. Heinlein, in diesem Jahr 30 Jahre tot, wird rückblickend als einflussreicher Wegbereiter gefeiert.

Nach dieser kurzen Einordnung möchte ich für Euch zwei Fragen beantworten: Worum geht es und ist das Buch auch heute noch wichtig?

Folgende Situation: ein Team von acht Menschen werden zum Mars geschickt um dort eine Kolonie zu gründen. Allerdings bricht der Kontakt zu den Kolonisten unmittelbar vor der Landung ab. Deren Schicksal bleibt 25 Jahre lang unklar, bis eine weitere Expedition a) Leben auf dem Mars entdeckt und b) den von den Marsbewohnern aufgezogenen Michael Valentine, das Kind zweier der ursprünglichen Kolonisten und einzigen Überlebenden der Mission, finden.

Michael Valentine wird zurück zur Erde gebracht und verursacht eine Sensation: alle wollen Ihn kennenlernen, die Wissenschaftler wollen Ihn studieren, die Journalisten wollen Ihn interviewen. Michael, schwach in der ungewohnten höheren Gravitation wird in die Obhut von Author, Philosoph und Anwalt Jubal Hershaw gegeben um sich zu auf der Erde in Ruhe zu akklimatisieren.

In den Gesprächen zwischen Hershaw und seinem jungen ausserweltlichen Schützling kommen die Ansichten und Prinzipien des letzteren schnell zum Vorschein: Liebe und persönliche Entwicklung sind „goodness“, Waffen und Gewalt sind eine „great wrongness“ und die Kirche, die die herkömmliche, monotheistische Religion repräsentiert ist ein Karnevalsverein, der Geld von Gläubigen durch dessen Täuschung extrahiert.

Schnell formt sich eine Gruppe Anhänger um Michael, aus der sich die „Church of all Worlds“ entwickelt, eine Religion, die Ihre Anhänger selbst zum Gott erhebt und die Gemeinschaft predigt. Übrigens werden in dieser Religion Anziehsachen als überflüssig angesehen und der Sex mit wechselnden Partnern als beste Methode gepriesen, eine tiefe Verbindung mit anderen Menschen aufzubauen (sie zu grokken).

Heinlein sagte, mit diesem Buch wollte er althergebrachte gesellschaftliche Werte in Frage stellen, allen voran: Monogamie und Religion. Mit diesem Buch ist ihm genau dies gelungen, allerdings nicht nachhaltig. Auch in 2018 sind beide Konzepte noch immer weit verbreitet.

Ganz ehrlich muss ich sagen, das Buch ist nicht so gut geschrieben, wie man es von einem Werk dieser Stellung erwartet: besonders am Ende oft am Rande der Kohärenz unterwegs, driftet es durch die angeblich von Marsianern erlernten Psi-Fähigkeiten Michaels schon fast in denkfaule Fantasy ab.

Sollte man heute dieses Buch lesen? Ja, denn es reflektiert die Sehnsüchte seiner Zeit und seines Ortes. Handelt es sich hierbei um ein Meisterwerk? Nein, denn abgesehen von der Vorstellung, dass unsere Welt mit mehr Güte, Liebe und weniger blindem Vertrauen in die bestehenden Institutionen ein besserer Ort sein könnte, lernen wir nicht viel. Das, so hoffe ich, sollte uns aber schon seit geraumer Zeit bekannt gewesen sein.

Ecotopia – Ernest Callenbach

Dieses Buch aus 1975 beschreibt eine alternative Geschichte, in der der Nordwesten der Vereinigten Staaten vor 20 Jahren in eine eigene Nation – Ecotopia – abgespalten ist. Die Bürger dieses Landes leben nach anderen, natürlicheren Werten; als Resultat entfernt sich der Lebenstil innerhalb Ecotopias immer weiter von dem der restlichen Staaten.

Weil die Bürger des Staates sich äußerlich recht scheu und geheimnisvoll geben, entsendet die New York Times-Post den Reporter William Weston, um ihren Lesern vom Leben der Ecotopisten zu berichten. Das Buch besteht aus diesen Zeitungsberichten sowie dem persönlichen Tagebuch Williams.

Die Bewohner Ecotopias bemühen sich um ein in erster Line gemeinsames, umweltbewusstes Leben. Die wenigen großen Städte, die es noch gibt (San Franzisko und Portland) sind dabei, sich in großflächigere, dünner besiedelte Gegenden auszustreuen. Die Menschen wohnen im Sinne der Umwelt zwar weiter auseinander, sind aber durch ein ausgezeichnetes öffentliches Verkehrssystem und elektrische Autos hervorragend miteinander verbunden.

Die Bürger arbeiten nur 20 Stunden in der Woche und beschäftigen sich den Rest der Zeit mit Ihren Interessen und Vorlieben. Große Firmen gibt es nicht, alle Beschäftigten sind gleichwertige, gemeinsame Eigentümer Ihres Betriebes.

Unterhaltung findet nicht in Form von Fernsehen und sportlichen Zuschauereignissen statt, sondern in erster Linie durch gemeinsame sportliche Betätigung und regelmäßige Interaktion miteinander. Dabei wird, diktiert von ungeschriebenen Regeln, Alkohol und Marihuana oft aber in Maßen konsumiert.

Partnerschaften und Familien sind größer, als im traditionellen Sinne. Zwar sind Paare in der Regel monogom, allerdings gibt es dazu keinen Druck. Zusätzlich gibt es vier Tage im Jahr, an dem der Partnertausch nicht nur geduldet sondern ermutigt wird. Ausserdem trauen sich die Bewohner gegenseitig so sehr, dass Sie Ihren Kindern den vorübergehenden Familientausch ermöglichen.

Weiterhin haben die Bewohner komplett andere Ideen zu den Themen Schulbildung, Pressefreiheit, Politik und Macht. Insgesamt wirken sich die hier gelebten Werke auf die Bevölkerung aus, so dass der durchschnittliche Ecotopist aktiver, neugieriger, involvierter und, ja, glücklicher ist, als sein Pendant aus den Staaten.

Im Zentrum der Handlung steht zunächst Weston’s Liebe zu Marissa, einer typischen Bewohnerin. Sie hilft Ihm, sich tiefer in die Gesellschaft Ecotopias zu integrieren und das misstrauische Gebaren der Bewohner gegenüber dem ausländischen Journalisten nach und nach zu überwinden. Bald merkt man deutlich , wie die offiziellen Zeitungsberichte Westons, konzipiert als herablassende Überlegenheitsstudie für die Bewohner der USA, von seinen persönlichen Meinungen, festgehalten in seinem Tagebuch, abweichen. Daraus entsteht sein Konflikt.

Obwohl Ecotopia als Roman ausgewiesen wird, wird die Handlung wirklich niemanden aus dem Stuhl schmeissen. Wie bei vielen Utopien ist das Buch in erster Linie das Vehikel, mit dem die Ideen einer Gesellschaft erkundet werden. Die Lebensweise der Bewohner Ecotopias ist, worum es wirklich geht.

Aus der Perspektive des Autors als kalifornischer Umweltaktivist der siebziger kommt Ecotopia seinem Ideal des menschlichen Miteinanders recht nahe. Dabei gibt der Autor zu, dass es sich ebi Ecotopia keineswegs um eine Utopie (perfekte Welt), sondern um eine Gesellschaft in der Mitte des Aufschwungs zu weiteren umweltbewussten Höhen.

Man merkt Ecotopia deutlich die vorherrschenden Einflüsse einer bestimmten Art kalifornischer Subkultur seiner Zeit an: es geht um Naturverständnis, freie Liebe, Pazifismus und ein bereits deutlich ausgeprägter Misstrauen gegenüber Konzernen und dem dahinterliegenden System des Kapitalismus.

Für den Reichtum der hier präsentierten Ideen und der Stimmigkeit der konstruierten Welt verdient dieses Buch den Status des Meisterwerks. Lest Ecotopia und taucht ein in eine Welt, wie sie sein könnte. Erlebt, wie die Ideen einer Generation aussahen und wie weit die heutige Wirklichkeit davon abweicht. In der Tat ist es erschreckend, wie sehr unser gegenwertiges Leben, dem der Menschen der Bürger der Vereinigten Staaten ähnelt.

Dieses Buch ist auch nach 40 Jahren brandaktuell.