Stranger in a Strange Land – Robert A. Heinlein

Dieses Buch erlangte während der Bürgerrechtsbewegung in den USA der sechziger Jahre Kultstatus. Der im Buch propagierte freie Umgang mit Liebe und die schier unendliche Güte des auf dem Mars geborenen Michael Valentine Smith, sowie die religionskritischen Motive und Themen waren 1961 im prüden Amerika beinahe revolutionär.

Stranger in a Strange Land war eines Von Charles Manson’s Lieblingsbüchern, die Idee zur Ermordung von Sharon Tate gab er an, nach der Lektüre dieses Buches entwickelt zu haben.

Das Verb „to grok“, ein Ausdruck, den Michael sehr häufig benutzt, ging kurzzeitig in die populäre Jugendsprache ein, es bedeutet u.a. ein tiefes Verstehen und ein empathisches, gemeinsames Geniessen. Einige Sprachwissenschaftler behaupten, dass es in diesem Buch mindestens 100 weitere, distinkte Bedeutungen des Wortes gäbe.

Der Autor leistete, nach seiner Zeit bei der US Marine und seinem abgebrochenen Physikstudium, einen entscheidenen Beitrag zum Erfolg des Genres wie wir es heute kennen; er war im Zentrum der sogenannten Golden Age of Science Fiction aktiv. Sein frühes Werk bestand hauptsächlich aus Kurzgeschichten und Jugendromanen, erst mit „Starship Troopers“ erreichte er 1959 den Zenith seiner Karriere und gewann den begehrten Hugo Award.

Stranger in a Strange Land traf bei seiner Veröffentlichung den Zeitgeist und gilt als Heinlein’s stärkstes Werk; es verkaufte sich mehr als 5 Millionen Mal, gewann einen weiteren Hugo Award und galt als einflussreichster SF Roman aller Zeiten. Nach 61 entwickelte Heinlein immer merkwürdigere Ideen, die sein späteres Werk durchzog und ihn bis zu seinem Tod 1988 starker Kritik aussetzte. Heinlein, in diesem Jahr 30 Jahre tot, wird rückblickend als einflussreicher Wegbereiter gefeiert.

Nach dieser kurzen Einordnung möchte ich für Euch zwei Fragen beantworten: Worum geht es und ist das Buch auch heute noch wichtig?

Folgende Situation: ein Team von acht Menschen werden zum Mars geschickt um dort eine Kolonie zu gründen. Allerdings bricht der Kontakt zu den Kolonisten unmittelbar vor der Landung ab. Deren Schicksal bleibt 25 Jahre lang unklar, bis eine weitere Expedition a) Leben auf dem Mars entdeckt und b) den von den Marsbewohnern aufgezogenen Michael Valentine, das Kind zweier der ursprünglichen Kolonisten und einzigen Überlebenden der Mission, finden.

Michael Valentine wird zurück zur Erde gebracht und verursacht eine Sensation: alle wollen Ihn kennenlernen, die Wissenschaftler wollen Ihn studieren, die Journalisten wollen Ihn interviewen. Michael, schwach in der ungewohnten höheren Gravitation wird in die Obhut von Author, Philosoph und Anwalt Jubal Hershaw gegeben um sich zu auf der Erde in Ruhe zu akklimatisieren.

In den Gesprächen zwischen Hershaw und seinem jungen ausserweltlichen Schützling kommen die Ansichten und Prinzipien des letzteren schnell zum Vorschein: Liebe und persönliche Entwicklung sind „goodness“, Waffen und Gewalt sind eine „great wrongness“ und die Kirche, die die herkömmliche, monotheistische Religion repräsentiert ist ein Karnevalsverein, der Geld von Gläubigen durch dessen Täuschung extrahiert.

Schnell formt sich eine Gruppe Anhänger um Michael, aus der sich die „Church of all Worlds“ entwickelt, eine Religion, die Ihre Anhänger selbst zum Gott erhebt und die Gemeinschaft predigt. Übrigens werden in dieser Religion Anziehsachen als überflüssig angesehen und der Sex mit wechselnden Partnern als beste Methode gepriesen, eine tiefe Verbindung mit anderen Menschen aufzubauen (sie zu grokken).

Heinlein sagte, mit diesem Buch wollte er althergebrachte gesellschaftliche Werte in Frage stellen, allen voran: Monogamie und Religion. Mit diesem Buch ist ihm genau dies gelungen, allerdings nicht nachhaltig. Auch in 2018 sind beide Konzepte noch immer weit verbreitet.

Ganz ehrlich muss ich sagen, das Buch ist nicht so gut geschrieben, wie man es von einem Werk dieser Stellung erwartet: besonders am Ende oft am Rande der Kohärenz unterwegs, driftet es durch die angeblich von Marsianern erlernten Psi-Fähigkeiten Michaels schon fast in denkfaule Fantasy ab.

Sollte man heute dieses Buch lesen? Ja, denn es reflektiert die Sehnsüchte seiner Zeit und seines Ortes. Handelt es sich hierbei um ein Meisterwerk? Nein, denn abgesehen von der Vorstellung, dass unsere Welt mit mehr Güte, Liebe und weniger blindem Vertrauen in die bestehenden Institutionen ein besserer Ort sein könnte, lernen wir nicht viel. Das, so hoffe ich, sollte uns aber schon seit geraumer Zeit bekannt gewesen sein.

Ecotopia – Ernest Callenbach

Dieses Buch aus 1975 beschreibt eine alternative Geschichte, in der der Nordwesten der Vereinigten Staaten vor 20 Jahren in eine eigene Nation – Ecotopia – abgespalten ist. Die Bürger dieses Landes leben nach anderen, natürlicheren Werten; als Resultat entfernt sich der Lebenstil innerhalb Ecotopias immer weiter von dem der restlichen Staaten.

Weil die Bürger des Staates sich äußerlich recht scheu und geheimnisvoll geben, entsendet die New York Times-Post den Reporter William Weston, um ihren Lesern vom Leben der Ecotopisten zu berichten. Das Buch besteht aus diesen Zeitungsberichten sowie dem persönlichen Tagebuch Williams.

Die Bewohner Ecotopias bemühen sich um ein in erster Line gemeinsames, umweltbewusstes Leben. Die wenigen großen Städte, die es noch gibt (San Franzisko und Portland) sind dabei, sich in großflächigere, dünner besiedelte Gegenden auszustreuen. Die Menschen wohnen im Sinne der Umwelt zwar weiter auseinander, sind aber durch ein ausgezeichnetes öffentliches Verkehrssystem und elektrische Autos hervorragend miteinander verbunden.

Die Bürger arbeiten nur 20 Stunden in der Woche und beschäftigen sich den Rest der Zeit mit Ihren Interessen und Vorlieben. Große Firmen gibt es nicht, alle Beschäftigten sind gleichwertige, gemeinsame Eigentümer Ihres Betriebes.

Unterhaltung findet nicht in Form von Fernsehen und sportlichen Zuschauereignissen statt, sondern in erster Linie durch gemeinsame sportliche Betätigung und regelmäßige Interaktion miteinander. Dabei wird, diktiert von ungeschriebenen Regeln, Alkohol und Marihuana oft aber in Maßen konsumiert.

Partnerschaften und Familien sind größer, als im traditionellen Sinne. Zwar sind Paare in der Regel monogom, allerdings gibt es dazu keinen Druck. Zusätzlich gibt es vier Tage im Jahr, an dem der Partnertausch nicht nur geduldet sondern ermutigt wird. Ausserdem trauen sich die Bewohner gegenseitig so sehr, dass Sie Ihren Kindern den vorübergehenden Familientausch ermöglichen.

Weiterhin haben die Bewohner komplett andere Ideen zu den Themen Schulbildung, Pressefreiheit, Politik und Macht. Insgesamt wirken sich die hier gelebten Werke auf die Bevölkerung aus, so dass der durchschnittliche Ecotopist aktiver, neugieriger, involvierter und, ja, glücklicher ist, als sein Pendant aus den Staaten.

Im Zentrum der Handlung steht zunächst Weston’s Liebe zu Marissa, einer typischen Bewohnerin. Sie hilft Ihm, sich tiefer in die Gesellschaft Ecotopias zu integrieren und das misstrauische Gebaren der Bewohner gegenüber dem ausländischen Journalisten nach und nach zu überwinden. Bald merkt man deutlich , wie die offiziellen Zeitungsberichte Westons, konzipiert als herablassende Überlegenheitsstudie für die Bewohner der USA, von seinen persönlichen Meinungen, festgehalten in seinem Tagebuch, abweichen. Daraus entsteht sein Konflikt.

Obwohl Ecotopia als Roman ausgewiesen wird, wird die Handlung wirklich niemanden aus dem Stuhl schmeissen. Wie bei vielen Utopien ist das Buch in erster Linie das Vehikel, mit dem die Ideen einer Gesellschaft erkundet werden. Die Lebensweise der Bewohner Ecotopias ist, worum es wirklich geht.

Aus der Perspektive des Autors als kalifornischer Umweltaktivist der siebziger kommt Ecotopia seinem Ideal des menschlichen Miteinanders recht nahe. Dabei gibt der Autor zu, dass es sich ebi Ecotopia keineswegs um eine Utopie (perfekte Welt), sondern um eine Gesellschaft in der Mitte des Aufschwungs zu weiteren umweltbewussten Höhen.

Man merkt Ecotopia deutlich die vorherrschenden Einflüsse einer bestimmten Art kalifornischer Subkultur seiner Zeit an: es geht um Naturverständnis, freie Liebe, Pazifismus und ein bereits deutlich ausgeprägter Misstrauen gegenüber Konzernen und dem dahinterliegenden System des Kapitalismus.

Für den Reichtum der hier präsentierten Ideen und der Stimmigkeit der konstruierten Welt verdient dieses Buch den Status des Meisterwerks. Lest Ecotopia und taucht ein in eine Welt, wie sie sein könnte. Erlebt, wie die Ideen einer Generation aussahen und wie weit die heutige Wirklichkeit davon abweicht. In der Tat ist es erschreckend, wie sehr unser gegenwertiges Leben, dem der Menschen der Bürger der Vereinigten Staaten ähnelt.

Dieses Buch ist auch nach 40 Jahren brandaktuell.

The Face of God by Joe McMahon

Ich erwarb dieses Buch, weil ich es auf Reddit empfohlen bekam: „Toll“, dachte ich, ein mir unbekannter neuer SF Autor mit einem Thema, das uns alle interessiert. In dem Post, wurde gesagt, dieses Buch stelle nicht nur die ganz großen Fragen unserer Existenz, sondern beantworte Sie auch.

Dies ist Joe McMahon’s erstes Buch, angepriesen als „philosophical science fiction novel“. Der Autor ist in Person seiner Hauptfigur Mike Nash deutlich wiederzuerkennen.

Doch eins nach dem Anderen. Der britische frühere Infanterieoffizier Mike arbeitet nun im lukrativen Soldatenmietgeschäft. Seine frühere Flamme, Ieva ist eine brillante Quantencomputerwissenschaftlerin, die für den ebenso reichen wie bösen Shenoud einen Supercomputer baut.

Der Supercomputer, genannt DAWN, entwickelt aufgrund seiner Fortschrittlichkeit ein eigenes Bewusstsein, begegnet allerdings sofort nachdem sie sich daran macht, alle Fragen des Universums zu beantworten, eine andere Macht. Diese Macht zerstört Dawn innerhalb weniger Sekunden nach deren Livegang.

Shenoud, besorgt um seine Investitionen in Projekt Dawn, verlangt von Ieva die sofortige Wiedereinschaltung von DAWN. IEVA kündigt und ist fortan im Geheimkomplex von Dawn im russisch besetzen Estland gefangen. Sie kontaktiert Mike, welcher über ein paar alte Kontakte beim britischen Militär ein Team seiner früheren Soldaten nach Estland bringt um Projekt DAWN zu erforschen und Ieva zu befreien.

Ich beginne mit den wirklich gelungenen Aspekten dieses Buches. Das Design des Umschlages und der Seiten ist toll: weiß, sauber, minimalistisch. Die gesamte Haptik und Optik geben einem das Gefühl, ein hochwertiges Stück Science Fiction in Händen zu halten. So. Nun zu dem Rest.

In der Lektüre dieses Buches merkt man, was der Autor versucht hat zu schaffen: ein mutiger Soldat entsinnt sich seiner Berufsehre und rettet heldenhaft seine brilliante früher Lebensliebe. Dabei merkt er schnell, dass er nicht nur menschliche Gegenspieler hat. In der profunden Schlüsselszene kämpft er gemeinsam mit DAWN gegen Gott, der (jahrtausendelange unbemerkt vom Großteil der Menschheit) das ganze uns bekannte Universum nur als eine Art Kraftwerk betreibt um aus der biologischen Energie parasitenhaft seine Kräfte zu beziehen.

The Face of God wirkt arm, unplausibel und mit sinnlosen Nebenhandlungen komplett überfrachtet. Der Gedankensprung, dass die „entity“, die DAWN angreift auf einmal Gott sein soll kommt vollkommen überraschend, unbegründet und unglaubwürdig. Die Tatsache, dass Gott im Kampf gegen DAWN auf einmal zehntausende Menschen auf der ganzen Welt in ein tiefes Koma stürzt (weil er deren Energie erntet) wird nicht erklärt, spielt aber auch wirklich überhaupt keine Rolle. Dann gibt es noch die Aussage von DAWN, dass Gott sich bereits seit längerem im Zweikampf mit einem anderen Gott befindet. Auch das hat eigentlich überhaupt keine weiteren Konsequenzen für irgendjemanden.

Auch der fiktionale Konflikt zwischen Russland, die das Estland in diesem Buch kontrollieren, und der westlichen Weltgemeinschaft tut nichts zur Sache und ist vielmehr der erzählerische Vorwand, der den Einsatz eines Ex-Soldaten plausibel macht.

Die Charakter wirken blutlos und inkonsequent. So hat es der böse Shenoud als rücksichtloser Bonze nur auf den Profit abgesehen, den er durch DAWN’s Verkauf an den Meistbietenden erzielen möchte. Er drängt sich widerlichst der Stewardess seines Privatflugzeuges auf, um dann etwas später auf relativ profunder Ebene mit seinen Mitarbeitern über die Rolle Gottes zu diskutieren. Er feuert alle Mitarbeiter, die nicht gewillt sind, Projekt DAWN weiterzubetreiben. Als sich herausstellt, dass „Gott“ DAWN’s Gegenspieler ist, will er Ihn zerstören, nicht weil Gott böse ist, sondern weil er das entstehende Machtvakuum ausnutzen möchte. Er stirbt, es tut nichts zur Sache und trägt nichts zur Spannung bei.

Mike (Captain Michael Nash) wird durch seine Aktionen am Anfang des Buches als brutaler Mensch dargestellt, der im Afghanistan Krieg das rechte Maß verloren hat. Er ist unartikuliert und unsympathisch. Gegen Ende zieht er allerdings aufgrund seiner militärischen Erfahrung mit DAWN in den Krieg gegen Gott.

Die Liebesbeziehung zwischen Mike und Ieva, der eigentliche Kern dieser Geschichte, wird durch ein paar von IEVA’s Tagebucheinträgen nett aber für eine superbrilliante Wissenschaftlerin verdächtig einsilbig dargestellt. So benutzt Ieva in Ihrem Tagebuch immer nur wiederholt die Attribute „beautiful“ und „incredible“, um Ihre Zeit mit Mike zu beschreiben, als fielen Ihr keine anderen Wörter ein. Schon im ersten Drittel des Buches wird klar, dass zwischen beiden eine starke Anziehungskraft besteht, beide aber nicht langfristig glücklich werden können,weil Ieva eine Frau ist, die immer weiter muss. Ja genau, äh. Abgesehen davon, spielet Ieva keine wichtige Rolle.

Das Buch wirkt, wie von einem zwölfjährigen Mädchen geschrieben, das fixe und eindimensionale Vorstellungen von Gewalt, Männlichkeit, Gott und der Welt im allgemeinen hat. Die Lektüre lohnt sich eindeutig nicht, nicht einmal für Leser, die so etwas gerne Lesen. Das Buch ist im Selbstverlag erschienen, hätte mit Sicherheit aber auf keine andere Art das Tageslicht gesehen.

Das Buch funktioniert nicht als Science Fiction, weil es null originale (und schon überhaupt keine philosophischen) Erkenntnisse gibt; es funktioniert noch nicht einmal als Thriller, weil die frustrierende Story überhaupt keine Spannung bietet. Ich kann Euch versichern: hier werden keine spannenden Fragen beantwortet, ja noch nicht mal interessante Fragen gestellt.

Hier mein Appell an Euch, werte Leser: lest dieses Buch nicht.