Counting Heads von David Marusek

David Marusek verbringt seine Winter oft alleine in einer Blockhütte in Alaska. Wir können also davon ausgehen, dass er ein oder zwei Dinge über Einsamkeit zu sagen hat. Nach der Lektüre von Counting Heads ist klar: das tut er, aber was er zu sagen hat geht weit darüber hinaus.

Folgende Situation: Wir schreiben das Ende des 21. Jahrhunderts, und viel ist passiert auf der Welt. Die Bevölkerung ist auf über 10 Milliarden Menschen angewachsen und ungefähr auf dem Gebiet der früheren USA erstrecken sich die UD (United Democracies). Innerhalb der UD herrschen strenge Reproduktionsauflagen, Kindererlaubnisse werden hier per Lotterie verteilt, während sich die Menschheit ausserhalb der UD noch immer fleissig und unnachhaltig vermehrt. Die Macht in dieser Welt liegt bei einer handvoll privater familiengeführter Konzerne, die, unterstützt von Ihren eigenen, sehr individuellen und tatkräftigen künstlichen Intelligenzen („Mentars“), das Weltgeschehen bestimmen. Diese Familien, unermeßlich reich und durch teure biotechnologische Fortschritte prasi unsterblich, bekämpfen sich untereinander um nicht nur die Gegenwart, sondern auch die Zukunft zu beherrschen.

Wir verfolgen die einander entgegengesetzt verlaufenden Karrieren von Eleanor Stark und Samson Harger. Eleanor ist eine Geschäftsfrau, clever, fleissig, strategisch, während Sam ein Künstler ist, feinfühlig, gegenwärtig und emotiv. Eleanor begründet eine Geschäftsdynastie, während Sam aufgrund eines „Unfalls“ von Bots der Homeland Control genetisch verbrannt wird, dadurch wird er zum stinkenden Lurchi, dessen Lebenserwartung auf einmal von mehren Jahrhunderten auf wenige Jahrzehnte sinkt, weil seine Zellen die andauernden Verjüngungstherapien nun nicht mehr vertrügen.

Eleanor ist Gründerin von Heliostream, einer Firma die riesige Raumschiffe baut, um Millionen von Menschen über den Verlauf mehrerer Generation in entfernte Sternensysteme zu verfrachten damit sie dort siedeln können. Dass die Kolonisten auf einem fernen Planeten 1000 Hektar Land als Gegenleistung für einen einzigen Hektar Land auf der Erde erhalten, macht dies zu einer hervorragenden Lösung für die grassierende Überbevölkerung. So weit die Theorie.

Während wir die beiden Charaktere begleiten wird schnell klar, dass die vom Autor erschaffene Welt eine ganz andere ist, als unsere. Neben den Superreichen („Affs“) gibt es riesige Heere von Klonen, die alle jeweils nach dem Vornamen des ursprünglichen Spenders typisiert wurden und nicht weiter als billige, spezialisierte Arbeitskräfte sind. So ist zum Beispiel Fred Lodenstane ein russ, gezüchtet um als starker, ordentlicher und widerstandsfähiger Menschentyp unter den anderen Klontypen für Ordnung zu sorgen. So sind jennies perfekte Krankenschwestern und johns besonders geeignet als Müllmänner, lulus sind ganz hübsche und unterhaltsame Frauen. Ab und zu wird aufgrund fehlerhafter Marktforschung auch ein ganzer Klongenus nutzlos: die evangelines wurden geschaffen, um einigen Affs superempathischerweise Gesellschaft zu leisten. Allerdings erweist sich der Marktbedarf für evangelines nach deren Dekantierung als gering, dem gesamten Genus mit 10.000 Einheiten droht Arbeitslosigkeit und damit der soziale Abstieg.

Zwischen Affs und Klonen gibt es noch die normalen Menschen, die sich oft in Chartern (den neuen Familien) zusammenschliessen und sich in Ihren Leben nur von Verjüngungstherapie zu Verjüngungstherapie hangeln.

Die Welt in diesem herausragenden SF Roman ist plausibel und genau so hoffnungsvoll wie erschreckend. Ich denke, David Marusek ist ein Optimist, und zwar einer mit einer blühenden Phantasie.

Marusek’s Leistung besteht in der Verknüpfung von Microsituationen und Megaevents. So sind seine Beschreibungen von Sorgen und Hoffnungen aus der Perspektive seiner Klone ebenso mitreißend wie die großen Visionen Eleanor Starkes für den Fortbestand der Menschheit glorreich sind.

Der Autor ist ein vielseitiger und kluger Mensch (jemand anderes könnte kein Buch wie dieses schreiben), seine Einsichten zu den Themen Kunst, Einsamkeit, Überbevölkerung und künstliche Intelligenz sind ebenso profund wie zum täglichen Kampf ums Überleben und dem Überleben der Attraktion.

Marusek’s Sprache ist überwiegend treffsicher und prägnant, er erzählt genau wie jemand aus dem späten 21. Jahrhundert erzählen könnte. Seine Gesellschaft ist geprägt von den technologischen Fortschritten der Zeit und seine Charaktere von dieser Gesellschaft. Dass der Autor inmitten dieses kreativen Feuerwerks alle Stränge fest in der Hand behält und sich erzählerisch trotz der bahnbrechenden Kreativität trittsicher bewegt, spricht für sein literarisches Talent.

Counting Heads ist eine Bereicherung für jeden, der in diesem 21. Jahrhundert lebt, auf der Erde oder anderswo. Ich kann die Lektüre uneingeschränkt empfehlen.

Empfehlenswert ist auch Marusek’s Follow-up zu dem hier besprochenen Roman: „Mind over Ship“. Hier wird die langfristige Ambition von Eleanor Stark erst richtig deutlich, genau wie die Gefahren, die sich aus der Benutzung der hochleistungsfähigen Mentare ergeben.

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