Gypsy von Carter Scholz

Gypsy ist ein dünnes Büchlein, das auf dem Cover den Author zeigt, wie er mit Rucksack und Wanderstiefeln allein in die Wildnis wandert.

Vom Wandern in die Einsamkeit handelt auch das Buch. Hauptsächlich ist es aber eine eloquente Kritik an der von diversen Geheimdiensten mit unerhörten Befugnissen bestimmten Aussenpolitik der USA. Scholz arbeitet mit einer Sequenz aus (fiktiver) Kurzgeschichte, Briefwechsel, realer Politikgeschichte und einem fiktiven Transkript einer Untersuchung vor dem Kongress, in dem ein Vorstand eines US Geheimdienstes satirisch überspitzt erläutert, wie es zum Debakel kommen konnte.

Durch diese Mosaiktechnik ergibt sich für den Leser ein zusammenhängendes Bild, das den fiktiven Teil auf das (bereits unglaubliche) Fundament der Wirklichkeit setzt und dessen Ansätze gekonnt weitertreibt. Der Leser bekommt den Eindruck, der fiktive Teil dieser Geschichte wäre ein Teil der Realität, insgesamt aus der Zukunft betrachtet. Dabei ist die Story „Gypsy“ der zentrale Teil des Buchs, alle anderen Teile des Buches sind eine Zugabe, die die Wirkung noch amplifizieren.

Folgende Situation: Roger Fry hat die Fusionsbombe erfunden. Er wollte mit seiner Forschung eigentlich das Energieproblem der Menschheit lösen, doch daraus wird natürlich nichts. Ein neues Wettrüsten zwischen den führenden Nationen beginnt. Auch sonst ist die Welt im Abschwung begriffen. Überbevölkerung und Erderwärmung haben katastrophale Folgen für die Bewohner, Internationale Großkonzerne sind mächtiger geworden als die meisten Regierungen. Forschung findet nur noch im Namen dieser Konzerne statt und die Schere zwischen arm und reich ist so weit auseinander wie noch nie. Eine langfristige Zukunft der Menschlichen Rasse auf der Erde ist langfristig nicht vorstellbar.

Roger plagt das schlechte Gewissen und er nutzt seinen Einfluss als Wissenschaftler, um insgeheim ein sehr komplexes Projekt voranzutreiben: die Erdenflucht eines Sternenschiffes mit 20 auserwählten Siedlern in das nächstgelegene Sternensystem Alpha Centauri. Um das zu erreichen, löst er gemeinsam mit den besten seiner Kollegen so weit wie möglich alle vorhersehbaren technischen Probleme, rekrutiert seine Crew und stiehlt sogar das „Raumschiff“ eines der wenigen Supperreichen des Planeten.

Es wird klar, dass dies der erste und letzte Versuch sein kann, einen neuen Lebensraum für die Menschheit zu schaffen, denn die Ressourcen des Planeten sind erschöpft, Universitäten gibt es aufgrund der geopolitischen Umstände nicht mehr, ohnehin wird die Erde sehr wahrscheinlich bald im Chaos der Fusionsbomben ausgelöscht.

Kurz bevor sein Plan entdeckt wird, schafft er es tatsächlich, das Raumschiff auf den Weg zu bringen. Es soll nun über 70 Jahre unterwegs sein, in der der Hoffnung, dass ein Planet, den man in dem Sonnensystem vermutet, tatsächlich bewohnbar ist. Es ist ein Longshot wie er extremer kaum vorstellbar wäre. Die Astronauten befinden sich im künstlichen Winterschlaf und werden während der Reise nur dann vom Computer aufgeweckt, wenn sie benötigt werden.

Es ergibt sich ein mitreißendes Stimmungsbild der Sternenfahrer, das zugleich hoffnungsvoll, zunehmend verzweifelt und unendlich einsam ist. Bereits zu Beginn der interstellaren Reise wird der Reiseplan durch eine Kollision beeinträchtigt. Wir erleben die Reise aus der Sicht der jeweils aus dem Winterschlaf erweckten Spezialisten und fühlen deren Hoffnungen und Verzweiflungen. Die Erfolgschancen der Reise werden zunehmend unwahrscheinlicher: zu der frühen Verzögerung kommt ein seltsamer Pilzbefall, der einige Schlafende ereilt, ein mysteriös leerer Tank und viele weitere Herausforderungen.

Durch kurze Rückblenden erfahren wir in Grundzügen die Hintergrundgeschichten einiger der Raumfahrer und bekommen dadurch kurze Einblicke in die Verwirklichung der Mission und die Lage der Menschheit.

Scholz bedient sich wissenschaftlich akkurater Effekte; dieses Buch ist gut ausgeführte „Hard Scifi“, die faktisch korrekt, trotzdem nicht langweilig dröge oder besserwisserisch erscheint.

Dieses Buch sollte man unbedingt lesen, ob man Science Fiction mag oder nicht. Mit seiner frischen Perspektive und seinen profunden Botschaften ist Gypsy ein Paradebeispiel für imaginativ große und weitreichende Fiktion.

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