Too like the Lightning – Ada Palmer

Mit dem ersten Teil der Terra Ignota Reihe ist Ada Palmer bereits der ganz große Wurf gelungen: Sie schafft eine Gesellschaft auf der mittelweit zukünftigen Erde, die sowohl plausibel und komplex als auch faszinierend ist.

Der liebenswürdig-charmante und aufgrund grausamster Massenmorde zum lebenslangen „Servicer“-Dienst verurteilte Mycroft Canner führt uns durch eine Welt, in der der Großteil der wahren Macht in den Händen von den Oberhäuptern zweier Nation-Strats liegt. Oder so sieht es auf den ersten Blick aus.

Folgende Situation: Nach jahrhundertelangem Krieg finden die Menschen in Hives zusammen, die geographisch nur lose zugeordnet sind. Religionen sind verboten, ditto Mehrheiten und Geschlechter (im Sinne von Gender). Letzteres drückt sich darin aus, dass nur ein Personalpronomen der dritten Person gebraucht wird: das sie des Plural.

Es gibt insgesamt sieben Hives, von denen die Mitsubishi (beherrschen durch clevere Allianzen ungefähr ganz Asien) und die Masons (begreifen sich als moderne Nachfolger des Römischen Reiches) die mit den meisten Bürgern und dem meisten Landbesitz sind.

Ein weiterer sehr spannender Hive sind die Utopians, die sehr sehr langfristig planen und sich deswegen mit der gegenwärtigen Politik so gut wie überhaupt nicht beschäftigen. Stattdessen terraformen sie Mars. Die Utopians sind individuell nicht sehr vermögend, aber sie konzentrieren alle Ihre Resourcen auf die Zukunft. Coole Sache: wann immer ein Angehöriger der Utopians stirbt, arbeiten die Utopians so lange daran, die Todesursache zu beseitigen, bis kein anderer Utopian mehr aus demselben Grund stirbt.

Nicht alles ist toll: unter der Oberfläche des friedlichen Zusammenlebens brodelt es, ein Teil der 10 Milliarden Menschen sind mit Ihrem Los unzufrieden, da der Landbesitz auf der Erde ungerecht verteilt ist.

Statt Religionen gibt es Sensayer, die als eine Art seelischer Berater jeweils einem bash zur Verfügung stehen. Die Sensayer coachen Menschen in allen spirituellen Fragen und verhindern vor allem, dass sich Religionen jemals erneut ausbreiten können.

Krieg gibt es nicht mehr, der Weltfrieden wurde nach langem, brutalen Krieg auf der ganzen Erde endlich erreicht. Verbrecher werden nicht eingesperrt, sondern müssen für die Dauer Ihres Urteils unter Verzicht auf Entertainment und persönlichem Besitz allen Bürgern für deren Anliegen als „Servicer“ zur Verfügung stehen.

Mycroft Canner, in seiner Rolle als Chronist führt uns durch die Geschichte: eines Tages wird die „Black Sakura“ Liste gestohlen, eine Liste, die in regelmäßigen Abständen Aufschluss über die delikate Balance der Macht der Hives und deren wichtigsten Mitgliedern gibt. Vergleichbar ist die 7/10 Liste mit der Veröffentlichung der Fortune Rich List, hier aber mit richtigen Konsequenzen: Bürger entscheiden anhand der Liste, zu welchem Hive sie gehören wollen. Der Diebstahl der Liste benachteiligt alle Hives gleichermassen, ein klares Motiv läßt sich nicht finden.

Beauftragt mit der Lösung des Falles wird der mysteriöse J.E.D.D. Mason, Sohn und Schützling einer Allianz der Mitsubishi und Mason Hives. Auch Martin Guildbreaker, Sensayer aus dem Humanisten Hive, forscht den Diebstahl der Liste nach. Er entdeckt schon bald beunruhigende Zusammenhänge zwischen dem größtem Transportsystem der Erde: die Mukta (betrieben von dem Bash, aus deren Haus die Liste gestohlen wurde) und einer Anzahl von tödlichen „Unfällen“, die rein zufällig und rein unauffällig die Welt verbessert haben.

Der Dritte Detektiv ist Dominic Seneschal, ein anderer Sensayer dessen Untersuchung in eine komplett andere Richtung geht.

Zentral für alle Handlungsstränge ist eben dieser Mycroft, der aufgrund seiner aussergewöhnlichen Fähigkeiten als Servicer bei den allerhöchsten Persönlichkeiten ein- und ausgeht. Die Hauphandlung dreht sich um einen 13-jährigen Jungen, der die Gabe hat Gegenstände zum Leben zu erwecken. Dieser Junge gehört zum Weeksbooth Bash, ebenjener der die Mukta betreibt und aus dessen Haus die Black Sakura gestohlen Wurde. Mycroft ist mit diesem Jungen in Freundschaft und Patenschaft verbunden und versucht zunehmend verzweifelt, sein Geheimnis zu bewahren.

Puh, soweit die Geschichte.

Das wunderbare an diesem Buch ist, wie sich die Geschichte nach und nach entfaltet: von Anfang an fühlt man sich eins aktuelle Zeitgeschehen eingebunden, man ist dabei, während Geschichte tatsächlich passiert.

Dass die Autorin eine renommierte Historikerin ist, die sich viel mit der Philosophie der Neuzeit beschäftigt, merkt man diesem Buch sofort an. Es entsteht ein reichhaltig gestaltete Welt voller kurioser Ideen, charmanter persönlicher Eigenheiten der Charaktere und komplett nachvollziehbarer Beziehungen und Interaktionen der Teilnehmer.

Ada Palmer hat sich wirklich intensiv Gedanken um Ihre Terra Ignota gemacht, was man in den vielen kleinen Details erkennt. So ändert sich die Syntax der Dialoge, je nachdem in welcher Sprache gesprochen wird; in der Universalsprache Englisch dominieren meist die tatsächlich gebräuchlichen jambischen Meter, während Mycrofts Erklärungen und Gedanken meistens in dem im Griechischen vorherrschenden Dactylus gehalten sind.

Ein weiteres Beispiel für die Detailliebe der Autorin sind die vielen verschiedenen Namen und Titel, die die Herrscher gebrauchen, um sich gegenseitig anzusprechen. So wird jeder der mächtigen Charaktere von fast jedem anderen anders, entsprechend seinen eigenen Vorstellungen, angesprochen.

Stilistisch ist dieses Buch sehr ausgereift. Der liebevoll rechtfertigende Ton, den Mycroft als Chronist dieser Zeit findet ist gleichzeitig intim und ehrlich, dennoch setzt er sich in kurzen Debatten mit seiner Leserschaft über die Erzählart meist gegen alle Einsprüche durch.

Am Ende des Buches sind wir der Lösung des Diebstahls noch nicht viel näher als am Anfang, auch die tatsächlichen Auswirkungen des Verbrechens sind keineswegs vollständig geklärt. Die Darsteller befinden steuern auf Ihre eigenen Dilemmata hin (auf und hinter der Bühne) und Mycroft ist im Bordell von „Madame“

Dennoch ist „Too Like the Lightning“ eine Bereicherung für jeden interessierte Geist: bis obenhin voll mit spannenden Ideen sind die vier Tage in Gegenwart von Mycroft Canner eine VIP-Tour einer brodelnd-aktiven Gesellschaft in der Phase einer neuen Aufklärung nach den Dark Ages zuvor.

Es folgen drei weitere Bücher, deren erstes mich glücklicherweise gerade in der Post erreichte.

Legt alles hin. Sofort. Kauft dieses Buch und lest es. Wirklich.

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